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Henrik Meyer
Viel ist geschrieben worden über den Wandel in der nördlichsten Stadt des Westjordanlandes. Einst von Shin Bet und Ariel Sharon auf eine »Terrorhochburg« reduziert, schien Dschenin nach dem Abflauen der Zweiten Intifada auf dem besten Weg, seinen alten Ruf wiederherzustellen: als Hauptstadt der Wassermelonen und des palästinensischen Tabaks.
Dann aber tat sich Eigentümliches. Nach dem blutigen Einmarsch der israelischen Armee 2002 und der weitgehenden Zerstörung des angrenzenden Flüchtlingslagers, entwickelte Dschenin eine zuvor nicht gekannte Anziehungskraft für Kulturschaffende. Zu einiger Berühmtheit hat es das mit viel Engagement und Ehrgeiz betriebene »Freedom Theatre« gebracht, ein Prestigeprojekt mitten im Flüchtlingslager, das Bewunderer und Gegner gleichermaßen auf den Plan ruft.
Seit dem 5. August ist Dschenin um eine wohl noch größere kulturelle Attraktion reicher. Nach zweijähriger Bauzeit eröffnete im Herzen der Stadt das »Cinema Jenin«, ein modernes Kino – und ein nach allen Maßstäben unwahrscheinlich anmutendes Projekt.
Wie die Stadt, so hat auch das Kino eine bewegte Geschichte. Wer heute vor der renovierten Fassade steht, ahnt nicht, dass noch vor kurzem eine völlig zerfallene Hausfassade an der gleichen Stelle in den Himmel ragte. Im Innern zeugten eine zerstörte Leinwand, Stuhlgerippe und defekte Filmprojektoren von den Verwerfungen der Ersten Intifada. Von einem funktionierenden Kino war seit dem Ende der 1980er Jahre so gut wie nichts mehr übrig geblieben. Dies zu ändern war das erklärte Ziel des deutschen Filmemachers Marcus Vetter, der das Projekt anstieß.
Seit 2005 ist Vetter in der Region. Berühmt wurde er mit dem Dokumentarfilm »Das Herz von Dschenin« der Geschichte des jungen Ahmad Khatib, dessen Vater sich entschied, die Organe seines toten Sohnes israelischen Kindern zu spenden – obwohl Ahmad von einem israelischen Soldaten erschossen worden war. Gemeinsam mit seinem palästinensischen Partner Fakhri Hamad und Ismael Khatib, dem Vater des toten Ahmad, machte sich Vetter auf die Suche nach finanzieller und personeller Unterstützung.
Ein Unterfangen, das so aussichtslos wie ungewöhnlich erschien, schließlich konzentrieren sich nahezu alle großen Projekte im Westjordanland derzeit darauf, den Prozess der Institutionen- und Staatsbildung von Premierminister Salam Fayyad zu unterstützen. Doch es war dieser selbst, der bei der Eröffnung das Projekt mit den Worten einordnete: »Ein Staat besteht nicht nur aus Regierung, Polizei und Gemeinderäten. Kultur stiftet Identität und Zusammenhalt und leistet einen wichtigen Beitrag, unseren Traum vom eigenen Staat zu verwirklichen.«
In diesem Geiste stellte das deutsche Außenministerium nicht nur 325.000 Euro bereit, sondern verortete das Projekt auch in den Rahmen der Initiative »Zukunft für Palästina«, mit dem das Programm Salam Fayyads in den vergangenen Jahren kräftig unterstützt wurde.
Auch das »Goethe-Institut« ließ sich nicht lumpen und steuerte eine hervorragend ausgestattete Mediathek bei. Ein nahe gelegenes Gästehaus, ein Open-Air-Gelände und eine Kunstausstellung komplettieren das ehrgeizige Projekt, das gerade durch seine Verwegenheit und seinen Grenzen sprengenden Charakter so gut in das geschichtszerrüttete Dschenin zu passen scheint.
Dennoch, so wissen alle Beteiligten, steht der Lackmustest für das Kino noch bevor. Denn die pompöse Eröffnung mit Bianca Jagger, Ex-Ehefrau von Rolling Stones-Frontmann Mick Jagger, und mit Unterstützung von Pink Floyd-Legende Roger Waters war ein eindrucksvoller Startschuss. Ob »Cinema Jenin« aber von den Menschen angenommen wird, bleibt abzuwarten. Ein volles Programm, eine Mischung aus Blockbustern und anspruchsvollen Filmen versprechen die Betreiber und haben für den Sommer nächsten Jahres bereits das erste »Cinema Jenin Palestine International Film Festival« angekündigt. Eine ganze Armada von Sponsoren steht hinter dem Projekt, gewillt, dem Dscheniner Kino diesmal zu einer längeren Lebensdauer zu verhelfen.
In die Mischung aus Ungläubigkeit und Freude der Beteiligten, dass es tatsächlich mit der Eröffnung geklappt hat, passen am ersten Abend des jungen Projekts noch keine Zweifel. Warum auch? Schon jetzt hat das Team von Vetter mit über dreißig deutschen Volontären mehr geschafft, als man ihnen je zugetraut hätte. Vieles spricht dafür, dass »Cinema Jenin« ein Leuchtturm-Projekt ist, dessen Strahlwirkung so schnell nicht verblassen wird.
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