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Seif al-Shishakli
Während die ägyptische und tunesische Revolution von Bloggern mitgeprägt wurden, sind verlässliche Informationen im syrischen Internet Mangelware. Zwar gibt es engagierte Web-Aktivisten, die mittlerweile aus dem libanesischen oder ägyptischen Exil bloggen und ihre Informationen über Skype oder Emails bekommen, doch sind viele dieser Websites in Syrien gesperrt.
Wer in Syrien in einem Internetcafé surfen will, muss seinen Personalausweis kopieren lassen und wird so zum Objekt staatlicher Überwachung. Auch oder gerade wer über einen privaten Internetzugang verfügt, überlegt sich mehrfach, ob er über vermeintlich sichere Proxy-Server (wenn er denn einen Zugang hat) verbotene Seiten mit revolutionärem Inhalt aufrufen will, denn die Überwachungsmaschinerie der zum Teil noch in der DDR ausgebildeten Geheimdienstler funktioniert auch im digitalen Zeitalter hervorragend. In Syrien merkt man es, indem zuvor vermeintlich sicher geglaubte Server einfach abgestellt werden, was oft und über Nacht passiert.
Die Facebook-Seiten der Aktivisten aus verschiedenen konfessionellen Gruppen sind noch die sichersten aufrufbaren Seiten, doch sind die Informationen sektiererisch geprägt und mit Vorsicht zu genießen. Aus einer Demonstration mit 1500 Teilnehmern werden im Netz schnell 15.000. Der Administrator der mit fast 200.000 Fans beliebtesten Gruppe »The Syrian Revolution 2011« soll ein Muslimbruder sein, »The Syrian Revolution/ Suriye Devrimi« ist kurdisch, die in den USA sitzende Gruppe »Reform Party of Syria« unterhält die Seite »Syrian Youth Rebellion« und warnt etwa davor, den Muslimbrüdern Glauben zu schenken.
Im Wust der verschiedenen, teils schwierig zu differenzierenden Interessen die richtigen Informationen zu filtern, fällt natürlich schwer, da der Geheimdienst aktiv und teilweise äußerst trickreich mitmischt, um Kontakte zu den Aktivisten und Lesern zu bekommen. Gefährlich ist es dazu, und das nicht nur für das eigene Leben.
Die syrischen Sicherheitskräfte setzen nicht nur darauf, Schreiber verbotener Blogs, sondern auch ihre Angehörigen zu verhaften und zu foltern, solange, bis die Aufenthaltsorte oder die Passwörter derjenigen, die die verbotenen Seiten betrieben oder aufriefen, bekannt gegeben werden. Gefahren, denen sich nunmehr aussetzt, wer seinen eigenen Verschlüsselungsskills hundertprozentig traut.
Daher vertrauen viele Syrer dem allgemein zugänglichen ausländischen Satellitenfernsehen, das mit dem – immer noch legalem – Empfang von Al-Jazeera, Al-Arabiya, CNN, BBC und dem englischsprachigen Kanal von France 24 einen umfassenden Überblick über die Geschehnisse, die Kommentare der bekannten und vertrauenswürdigen Oppositionellen im Exil und die Anzahl der immer größer werdenden Opferzahlen veröffentlichen.
Besonderes Aufsehen erregte die Aufdeckung des gefälschten Blog-Accounts A Gay Girl in Damascus. Seit Februar 2011 hatte die vermeintlich lesbische Bloggerin Amina Abdallah über heimliche Liebesabenteuer, gesellschaftliche Tabus und später auch über die politische Repressionen des Assad-Regimes geschrieben. Als Anfang Juni auf dem Blog ihre Verhaftung durch Sicherheitskräfte vermeldet wurde, entspannte sich im Netz eine beispiellose Solidaritätswelle, die bis in die reale Welt reichte. Amina schien auf dem besten Weg zur neuen, wenn auch ungewöhnlichen, Ikone des Protestes zu werden.
Doch im Laufe der nächsten Tage mehrten sich die Zweifel an der Authentizität der Geschichte, am 13. Juni schließlich gab der 40-jährige Amerikaner Tom MacMaster bekannt, dass er sich hinter dem Account verberge und Amina Abdallah eine fiktive Figur sei, die, so MacMaster in einer Erklärung, »die Erfahrungen der Menschen in Syrien symbolisiert.« Die Netzgemeinde reagiert mit Unverständnis, gerade in Syrien, wo sich Aktivisten beschweren, sich unnötig in Gefahr begeben zu haben, um Aminas Schicksal auf den Grund zu gehen und etwas über ihren Aufenthalt zu erfahren.
Der Fall zeigt, dass angesichts der dürren wie verworrenen Nachrichtenlage Trittbrettfahrer schnell Verbreitung finden, weil sie nur schwer überprüft werden können. Selbst wenn sie es wie MacMaster vielleicht gut meinen, erweisen sie den Cyber-Aktivisten doch einen Bärendienst.
Die Cyber-Revolution in Syrien kann somit zwar nicht als niedergeschlagen, aber doch als stark beschnitten, von verwirrenden Fehlinformationen geleitet und von konfessionellen und somit verschiedenen politischen Interessen geprägt gesehen werden.
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