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Robert Chatterjee
Der Geograf Sardar Kohistani kehrt als erster Absolvent des DAAD-Promotionsprogramms nach Afghanistan zurück. Im Interview berichtet Kohistani über den Wert der Bildung für die Zukunft seines Landes, Studieren unter den Taliban und wie ihn die Zeit in Deutschland verändert hat.
zenith: Herr Kohistani, sie haben die letzten Jahre in Deutschland verbracht und wurden hier promoviert. In ein paar Wochen kehren Sie nun nach Afghanistan zurück. Gehen Sie leichten oder schweren Herzens in Ihr Heimatland?
Sardar Kohistani: Natürlich beides. Zum Einen bin ich froh, dass ich hier die Promotion geschafft habe. Das war ein Traum und den habe ich mir erfüllt. Auf der anderen Seite habe ich hier eine Menge interessanter Leute kennengelernt, gute Freunde gefunden und da fällt der Abschied schwer. Aber in Afghanistan habe ich auch eine Menge Freunde, einen Arbeitsplatz und natürlich meine Familie.
Was haben Ihre deutschen Freunde über Afghanistan gedacht? Sind Sie auf Stereotypen oder Vorurteile gestoßen?
Das war verschieden. Einige haben mich gefragt, wie ich den Krieg erlebt habe. Ich habe dann gesagt, dass Krieg natürlich keine Sache ist, die man sich wünscht, aber man gezwungen ist, einfach durchzustehen, um zu überleben. Und glücklicherweise habe ich das überlebt und meinen Freunden darüber berichtet. Ich war auch Opfer des Krieges. Ich habe Teile meiner Familie verloren, mein Bruder wurde getötet. Jeder in Afghanistan ist auf eine Weise vom Krieg betroffen. Ich wurde auch sehr oft gefragt, ob ich nach Abschluss des Studiums wieder nach Afghanistan zurückkehren wolle. Viele fragten: »Warum bleibst du nicht einfach hier? Da ist doch die ganze Zeit Krieg.« Ich habe dann geantwortet, dass ich mein ganzes Leben im Krieg aufgewachsen bin und auf jeden Fall zurück kehren werde. Aber das war oft sehr schwierig zu vermitteln.
Haben Sie jemals an der Entscheidung zurückzukehren gezweifelt?
Dieser Entschluss war für mich von Anfang an klar und hat sich bis heute nicht geändert.

wurde 1977 in Kabul geboren. 1996 erwarb er sein Bachelor-Diplom am Geographischen Institut der Universität Kabul. Mit Hilfe eines Promotions-
Stipendium des DAAD befasste er sich seit 2005 mit der Rolle der »Institutionellen Kapazitäten im Staatsaufbau in Afghanistan«. Zu diesem Thema wurde er 2010
an der Justus-Liebig-Universität promoviert.
Wie hat Ihr afghanisches Umfeld, Familie und Freunde, reagiert, als Sie erzählt haben, dass Sie nach Deutschland gehen?
Sie haben sich gefreut, weil nicht viele diese Möglichkeit bekommen. Meine Familie hat mich immer unterstützt, diese Chance wahrzunehmen. Sie half mir auch, meine Bedenken, sie zurückzulassen, zu zerstreuen. Meine Familie legt sehr viel Wert auf Bildung, auch für meine Schwester, was in Afghanistan nicht immer der Fall ist.
Warum haben Sie Deutschland ausgesucht und nicht etwa die USA oder Großbritannien?
Ich weiß nicht genau warum, aber die Afghanen sind sehr mit Deutschland verbunden. Ich hatte meine Abschlussarbeit auf Englisch geschrieben und hatte auch die Möglichkeit, nach Oxford zu gehen. Und obwohl ich kein Wort Deutsch konnte, wollte ich unbedingt dorthin. Und bis jetzt bin ich mit der Entscheidung sehr zufrieden.
Wie haben Sie sich persönlich durch die Zeit in Deutschland verändert?
Ich habe immer die Exil-Afghanen kritisiert. Klar verändert sich der Blick auf die eigene Heimat, aber ich habe mich nicht so verändert, wie die Exilanten, die schon Jahre oder Jahrzehnte in Deutschland leben. Sie haben irgendwann entschieden, in Deutschland zu bleiben und haben deswegen auch eine ganz andere Vorstellung von Afghanistan, wenn sie jetzt dorthin fliegen. Sie wollen dort nicht mehr leben, sondern vielleicht Geschäfte machen oder lukrative Posten in der Verwaltung einnehmen. Sie haben natürlich die sichere materielle Basis hier in Deutschland und besitzen oft auch einen deutschen Reisepass. Aber der Abstand dieser Exil-Afghanen zum Rest der Gesellschaft ist extrem groß, größer noch als der eines Deutschen, wenn er nach Afghanistan reist. Für die meisten Afghanen sind sie Fremde.
Sie wollten den Abstand nie so groß werden lassen wie bei den Exil-Afghanen?
Das kann und will ich nicht, weil das in unserer Gesellschaft auch negativ bewertet wird. Sie sehen jemanden, der in Afghanistan geboren wurde und dort gelebt hat, aber ein völlig anderer Mensch ist, wenn er nach Jahren wiederkommt. Sie haben das Gefühl, dass er europäischer geworden ist, als die Europäer selber. Die Gefahr ist groß, dass diese Leute gegenüber den anderen Afghanen arrogant und hochnäsig werden. Gerade aus den Ministerien sind mir solche Fälle bekannt.
Haben Sie hier in Deutschland lieber mit Deutschen als mit Exil-Afghanen zu tun gehabt?
Klar habe ich mit einigen zu tun gehabt, aber ich habe zum Beispiel nicht in den Gegenden gewohnt, wo sich die Exil-Afghanen konzentrieren. Der Unterschied in Meinungen und Vorstellungen zu Afghanistan war schon sehr groß. Die Exil-Afghanen haben kaum eine Vorstellung von den wirklichen, alltäglichen Problemen der Bevölkerung. Ihre Sichtweise ist immer noch sehr politisch geprägt. Das ist vielleicht auch eine Generationenfrage. Die Afghanen flüchteten in verschiedenen Wellen: Erst kamen die Sowjets, dann die Mudschaheddin, dann die Taliban. Jede Generation, die hier nach Deutschland kam, wurde so unterschiedlich geprägt und findet sich heute in den verschiedenen afghanischen Gruppen wieder, die meist politisch ausgerichtet sind. Mir hingegen ist das fremd, weil ich keiner politischen Gruppe oder Richtung angehöre.
Was vermissen Sie in Deutschland am meisten aus Afghanistan?
Familie und Freunde natürlich. Das ist vielleicht normal, aber bei uns Afghanen ist das Heimweh doch sehr stark ausgeprägt. Und obwohl man hier in Deutschland wahrscheinlich nie Krieg erleben muss, kommen mir andere Gedanken in den Sinn, wenn ich an Afghanistan denke: Der blaue Himmel, das trockene Klima. In der Vorstellung wird Kabul dann plötzlich viel schöner, als es vielleicht in Wirklichkeit ist.
Machen Sie sich in Deutschland mehr Gedanken über Ihr Land als in Afghanistan?
Ich verfolge natürlich die Situation in Afghanistan. Sobald etwas darüber im Fernsehen kommt oder in der Zeitung steht, kann ich nicht davon loskommen. Am meisten informiere ich mich über das Internet. Sobald etwas Schlimmes in Kabul passiert, mache ich mir Sorgen und kann mich den ganzen Tag nicht konzentrieren.
Sie haben Ihr Stipendium vom DAAD für Ihre akademische Ausbildung erhalten. Sehen Sie sich gleichzeitig aber in einer Vorbildfunktion für andere junge Afghanen, die den gleichen Weg gehen wollen?
Ja, das ist mir schon bewusst und habe das auch in der Praxis immer wieder unterstützt, soweit das in meinen Möglichkeiten liegt. Beispielsweise laufen an der Universität Kabul an meinem Institut für Geowissenschaften regelmäßig Projekte mit deutschen Universitäten. Der DAAD unterstützt diese Projekte und so kommen Studenten in Kontakt mit dem Stipendienprogramm, das ihnen ermöglicht, ihre Ausbildung in Deutschland fortzusetzen. Das Budget für diesen akademischen Austausch war aber begrenzt. Deswegen wurde ich gefragt, ob ich als erfolgreiches Beispiel dieser Förderung dafür werben soll. Beispielsweise habe ich vor Mitgliedern des Deutschen Bundestages Projekte der Universität Kabul mit deutschen Universitäten vorgestellt. Am Ende war das erfolgreich und das DAAD-Budget für Afghanistan wurde erhöht. Aber das Geld sollte nicht nur nach Kabul fließen. Es gibt auch in anderen afghanischen Städten Universitäten, deren Projekte Unterstützung verdienen.
Wie kann man sich eigentlich in einem Kriegsgebiet auf das Studium konzentrieren? Gibt es einen akademischen Alltag in Afghanistan?
Erst einmal ist die Sicherheitslage in Kabul heute viel besser als in früheren Zeiten, gerade an der Universität. Aber seit der sowjetischen Invasion ist Kabul immer wieder Ziel von Anschlägen und Gewalt gewesen. Früher trafen auch schon mal Raketen das Universitätsgelände, das vergisst man nicht. Vor ein paar Jahren bin ich mit einigen Freunden auf dem Campus spazieren gegangen, als hundert Meter von uns entfernt eine Rakete einschlug und meine Kommilitonin, die direkt neben mir lief, verletzte. Manchmal denke ich, dass sich die Leute einfach an den Krieg gewöhnt haben. Aber am schlimmsten war es, als die Universität während der Mudschaheddin-Zeit und natürlich anschließend unter den Taliban zerstört wurde: zu wenige Lehrer, zu wenig Studenten, Frauen durften weder lehren noch lernen. Heute sieht das schon viel besser aus. Es gibt mehr Professoren, viele sind aus dem Exil wieder gekommen. Internet, Strom – all das war früher nur ein Traum. Und es gibt das Austauschprogramm mit westlichen Hochschulen, aber auch unter den afghanischen Universitäten. Das alles hat vor acht Jahren angefangen und sich wirklich gut entwickelt.
Ist Bildung der Schlüssel für eine friedliche Zukunft in Afghanistan?
Ich denke schon. Bildung verändert so vieles. Das sieht man ja an Europa, das sich durch Bildung modernisiert und sich eine Zivilgesellschaft geschaffen hat. Mehr Bildung bedeutet auch mehr Möglichkeiten, sich zu entfalten. Das muss man in Afghanistan auch unterstützen. Und die Menschen in Afghanistan werden nicht einfach blind dem folgen, was ihnen vorgesetzt wird, sondern werden in diesen Prozess involviert.
Wird die Bevölkerung durch mehr Bildung kritischer und selbstbewusster werden?
Ja, und das merkt man. In den letzten acht, neun Jahren hat sich viel verändert. Die junge Generation ist extrem motiviert und will so viel lernen wie möglich. Die afghanische Gesellschaft war vor zehn Jahren noch sehr isoliert. Klar, es herrscht noch immer Krieg und wir haben eine Menge Probleme. Aber es gibt jetzt Perspektiven und die Leute stehen viel mehr in Kontakt mit dem Ausland, gerade auch über das Internet.
Würde mehr Bildung Jugendliche davon abhalten, sich etwa den Taliban anzuschließen?
Die Leute müssen begreifen, was Bildung bedeutet und was nicht. Bildung versetzt einen in die Lage zu verstehen, mitzumachen, zu gestalten – also Demokratie zu leben. Es heißt aber nicht, dass man Gott verrät, den Glauben verliert und die Frauen außer Kontrolle geraten, wie es die Taliban immer wieder propagieren. Die Funktionsweise von Demokratie muss in den Bildungskanon aufgenommen werden: Was sind die Aufgaben einer Regierung? Welche Rechte und Pflichten habe ich als Bürger? Es ist die Aufgabe der Regierung, die Ausbildung kritischer Bürger zu unterstützen. Grundsätzlich bin ich der festen Überzeugung, dass die Taliban keine Chance haben zurückzukehren, solange Bildung entsprechend gefördert wird. Wenn das nicht geschieht, sehe ich die Zukunft jedoch deutlich negativer.
Kann man auch den Taliban die Vorteile von Bildung nahe bringen?
Leider wurde Bildung in der Vergangenheit immer wieder politisch missbraucht, erst von der kommunistischen Regierung, dann von den Mudschaheddin. Ich stamme aus dieser Generation, habe damals Schule und Studium durchlaufen. Im Klassenzimmer hing ein Bild vom Präsidenten, wenn man das Schulbuch aufschlug, sah man das Gleiche. Unter den Kommunisten wurden Genosse Lenin und die Oktoberrevolution gelobt. Als der Präsident ermordet wurde, wurden alle Schulbücher ausgetauscht und das Spiel ging von vorne los. Das war keine Bildung, sondern politische Indoktrination. Das hat natürlich den Mudschaheddin Argumente geliefert, die behauptet haben, dass Bildung nur neue Kommunisten hat trainieren sollen. Deswegen muss Bildung frei von politischer Meinung sein, um angenommen zu werden.
Ist Bildung denn zurzeit frei von politischer Einflussnahme?
Nicht ganz. Wir haben noch immer ehemalige Mudschaheddin und Taliban im Parlament. Sie instrumentalisieren die Religion – und zwar auch im universitären Curriculum. Sie haben bestimmte Kriterien, wie sie Islam und Muslimsein definieren. Aber das ist immer noch viel besser als die Curricula von früher. Und wir können die jetzige Universitätsbildung auch weiter verbessern, sie ist nicht mehr so starr und absolut wie noch vor zehn Jahren.
Es gilt also zu vermitteln, dass Religion und Bildung sich nicht widersprechen …
Auf jeden Fall. Aber das geht nicht über Nacht. Diejenigen, die sich gegen Bildung stellen, können immer noch sehr gefährlich werden und Teile der Bevölkerung aufstacheln. Es ist ein langsamer Prozess. Sie sollen die religiösen Wortführer nicht vor den Kopf stoßen und provozieren, sondern lieber eine Strategie finden, wie man das Konzept von Bildung den Menschen nahe bringt.
Sehen Sie für sich selbst auch eine Rolle innerhalb dieser Strategie?
Ich versuche das in meinem Umfeld zu vermitteln. Ich konfrontiere nicht die Gesellschaft, sondern versuche, auf die Leute zuzugehen, mit ihnen zu reden, und das in einer Sprache, die sie verstehen und akzeptieren. Letztendlich müssen sie selber entscheiden, ich erkläre ihnen nur die Vorteile von guter Bildung und gebe ihnen mein Beispiel.
Garantiert Ihnen die Ausbildung nun in Afghanistan einen guten Job oder entscheiden darüber andere Faktoren?
Ich habe vor dem Stipendium an der Universität Kabul gelehrt und werde auch wieder dorthin zurückkehren. Natürlich ist das Problem von Vetternwirtschaft und Patronage in Afghanistan weit verbreitet. Aber das hält oft nicht lange. Wer nicht die Fähigkeiten für seinen Posten mitbringt, wird früher oder später scheitern. Ich bin für die Zukunft vorsichtig optimistisch. Präsident Hamid Karzai ist stärker denn je unter Druck, gegen Korruption vorzugehen. Die Verwaltung ist ja deswegen so ineffizient, weil die falschen Leute an den falschen Stellen sitzen.
Wie werden Sie Ihren letzten Tag in Deutschland verbringen und was werden Sie als Erstes machen, wenn Sie in Afghanistan ankommen?
Wann der letzte Tag sein wird, steht noch nicht fest und solange arbeite ich noch an Projekten in Deutschland. Den letzten Tag werde ich natürlich mit meinen Freunden verbringen, um mich von Ihnen zu verabschieden. Und in Afghanistan gehe ich als Erstes zu meiner Familie. Ihre Augen sind auf die Tür gerichtet und sie warten darauf, dass ich hineintrete.
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