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Libyen nach Gaddafi 26.08.2011

Benghazi, die befreite Stadt


Auch nach Tagen kommt Benghazi nicht zur Ruhe. Seitdem erste Fernsehbilder den Einmarsch der Rebellenmilizen in Tripolis verbreiteten, herrscht in der Stadt ein allabendlicher Ausnahmezustand. Nach Sonnenuntergang verstopfen tausende Schlachtenbummler die Lebensadern der Protesthochburg. Fußgänger, Straßenhändler und unzählige, meist bis auf den letzten Sitzplatz gefüllte Autos drängen sich die Küstenstraße entlang. »Ja, damit die Läden offen bleiben – ja, damit das Leben weitergeht!«, heißt es auf einem großformatigen Werbeplakat einer Nachbarschaftshilfe.


Doch heute bedarf die Bevölkerung keiner Motivationshilfe, trotz des andauernden Krieges das Nachtleben zu genießen. Zur Hälfte aus ihren Autos gelehnt, feuern Jugendliche mit ihren Sturmgewehren Freudenschüsse in den Himmel, in jedem Straßengraben sammeln sich leergeschossene Patronenhüllen. Auch ein Zeichen, wie sehr sich das Land verändert habe, versichern Anwohner: »Noch vor ein paar Monaten wäre es undenkbar gewesen, dass auf unseren Straßen geschossen wurde. Ich hatte vorher noch nie gesehen, wie eine Waffe abgefeuert wird.«


In Benghazi ist das alte Libyen nicht mehr wiederzuerkennen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten weht an den Flaggenmasten vor dem Hotel Tibesti, in dem ein Großteil der anwesenden Journalisten untergebracht sind, eine amerikanische Flagge. In Sprechchören wie in Plakaten werden die Regierungschefs der an den Luftschlägen beteiligten Staaten gefeiert. »Danke Obama, danke Sarkozy«, schiebt sich ein Dutzend Jugendlicher grölend, mit Spielzeugwaffen ausgerüstet, durch das Gedränge. Trotz ihres Alters versuchen sie, die bärtigen Kämpfer auf den Rekrutierungsplakaten der Milizen zu imitieren. Die tatsächlichen Bürgerwehren kurven aufgesattelt auf Pickups mit quietschenden Reifen durch die Straßen, lassen sich feiern und streben ihrerseits Umar al-Mukhtar, dem großen Vorbild des libyschen Unabhängigkeitskrieges gegen Italien, nach.


»Erschöpft, aber glücklich«

Dass die Stadt lange Zeit vom Rest des Landes abgeschnitten war, am 19. März, dem »schwarzen Samstag«, sogar unter direkter Belagerung der Armee gelegen hatte, merkt man den Menschen noch immer an. In der ganzen Stadt sind die Portraits der sechs Jetpiloten angebracht, die den Vormarsch von Gaddafis Truppen auf die Stadt unterbanden und dabei starben. Graffitis greifen die Schicksale einzelner Kämpfer auf und tragen so zur lokalen Legendenbildung bei, während die hunderten Milizionäre, die auch in dieser Nacht Benghazi in Richtung der verbleibenden Frontlinien um die Stadt Sirte verlassen, deren Geschichten weiter in den Rest des Landes tragen. Und diejenigen, die zurückkehren, bringen ihrerseits neue mit.


So auch ein Freiwilliger, der sich nur als Hussein vorstellt und gerade aus Sirte zurückgekehrt ist. Zwei Wochen sei er an der Front gewesen, eine Verletzung an der Leiste habe ihn jetzt dazu gezwungen, die stundenlange Fahrt auf sich zu nehmen. Vor einer Pizzeria im Stadtteil Foyhat wartet er in seinem fleckig wüstenbraun umgesprühten SUV auf einen letzten Imbiss vor dem Sonnenaufgang. »Wir haben bei null angefangen, mit Steinen auf die Soldaten geworfen«, erzählt er. »Aber jetzt sind wir Profis.« Das Auto ist sein eigenes, das schwere Maschinengewehr auf der Gepäckablage haben Freiwillige in den Werkstätten Benghazis aufgeschmiedet. »Erschöpft, aber glücklich«, fühle er sich und grinst durch seinen lang gewucherten Bart hindurch, die Augen blinzeln müde, das Ende des Krieges kommt für ihn gerade zur rechten Zeit.


Während die Menschen noch den Fall von Tripolis feiern, bereiten sich viele Verwaltungsinstitutionen bereits auf den Umzug in die Hauptstadt vor. Im Pressezentrum nahe des Grünen Platzes, der nach Ausbruch der Revolution im Februar zum Märtyrerplatz umbenannt wurde, stehen viele Büros bereits leer, die Journalistenmeute ist auf Fischerbooten bereits in Richtung Tripolis abgerückt und zurück bleiben die Karikaturen des »Bruder-Führers«, die malerisch ausgelebten Tötungsfantasien und die zeichnerischen Huldigungen bekannter Märtyrer der vergangenen Monate.


Hilfe könne man hier nicht erwarten, signalisiert der in tarnfarbener Milizionärskluft gekleidete Rezeptionist – die an den Stuhl gelehnte AK47 verstärkt das Ambiente einer Bananenrepublik. Von der Küstenpromenade wabert die Musik jugendlicher Trommler herüber, zu ihren langgezogenen »Oh Benghazi«-Rufe tanzen die Menschen, im Hintergrund schwappt mit jeder Welle neuer Plastikmüll an den Strand. Die meist aus zentralafrikanischen Staaten stammenden Mitarbeiter der Stadtreinigung hatten Benghazi gleich zu Beginn der Revolution verlassen und waren aus Angst vor Lynchmorden hinter die ägyptische und tunesische Grenze geflüchtet.


»Kein Prozess für Gaddafi«

Die ganze Innenstadt ist gefangen zwischen Aufbruch und Bewältigung. Hunderte Vermisstenanzeigen und Todesmeldungen hängen an großen, über den ganzen Platz verteilten Stellwänden. Seite an Seite hängen sie mit den unzähligen Stellenanzeigen und Aufrufen, sich in den zahlreichen Freiwilligenprojekten der Rebellenstadt einzubringen. Grafiker, Kameraleute, Verkehrspolizisten – jeder Bereich des öffentlichen Lebens erlebt in diesen Tagen eine Blüte. An jeder Straßenecke bewerben Plakate die neueste, dilettantisch zusammengestückelte, Revolutionszeitung, von denen es inzwischen mehr als 100 verschiedene gibt.


Jenseits des lauten Treibens der Kinder, die sich an den Verkaufsständen mit billigen chinesischen Feuerwerkskörpern versorgen, haben sich Mahid Chalej und seine Freunde in einem der halboffenen, vom Fußballverein Ahly Benghazi gespendeten Stoffzelte niedergelassen. »Seit dem 17. Februar sitzen wir hier jeden Tag – so lange bis das Regime Geschichte ist«, erzählt er. Ärzte und Ingenieure seien sie, gebildete Leute, die hier über Politik und die Zukunft diskutieren könnten. »Wir waren hier, als Demonstranten im Februar die Polizeistation hier am Tahrir-Platz stürmten. Im Keller fanden sie eine quadratmetergroße Flagge des alten Königreiches und hängten sie über die Brüstung auf dem Dach. Seit diesem Moment ist sie die Flagge des neuen Libyens.«


Eine juristische Abrechnung mit dem alten Regime wünscht sich keiner der Männer. »Wir wollen Gaddafi nicht lebendig fangen. Wir haben keine Zeit für einen langen Prozess.« Dass Benghazi den Krieg, insbesondere den 19. März, überstanden hat, sehen seine Einwohner noch immer als Wunder an. »Weder Amerikaner noch Franzosen haben uns an diesem Tag beigestanden. Die wahren Helden sind die Soldaten, die sich weigerten, auf ihre Stadt zu schießen. Mit bloßen Händen haben sie die Panzer vertrieben«, erzählt Chalig. »Es war ein großer Tag. Gott hat diese Stadt beschützt.«



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