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Krise im Jemen 23.03.2011

»Amerika kann im Jemen keinen Machtwechsel inszenieren!«

Interview: Daniel Gerlach


zenith: Herr Terrill, Sie haben erst vor wenigen Monaten eine militärwissenschaftliche Studie zur jemenitischen Armee verfasst und deren Bedeutung in der US-Sicherheitspolitik beleuchtet. In der jemenitischen Armee zeichnet sich nun eine Spaltung ab – hohe Offiziere stellen sich schützend vor die Protestbewegung gegen Präsident Salih. Überrascht Sie das?


Andrew Terrill: Nein, ich bin nicht sehr überrascht. Salih Machtmittel sind Opportunismus, Manipulation, Bestechung und Unterdrückung. Ein kuwaitischer Minister hat ihn sogar einmal mit Saddam Hussein verglichen, was ich allerdings nicht zutreffend finde. Salih hat nicht den Unterdrückungsapparat Saddams und seine führenden Offiziere sind beinahe so opportunistisch wie der Präsident selbst. In einer solchen Krisenlage wie jetzt haben die Offiziere den politischen Spielraum, um das zu tun, was am ehesten ihren Interessen dient.

Wallace Andrew Terrill 


ist Professor für Nationale Sicherheitsfragen am War College der US-Streitkräfte in Carlisle, Pennsylvania. Terrill ist Autor einer aktuellen Sicherheitsstudie zum Jemen. 2003 wurde Terrill durch eine Studie bekannt, die er gemeinsam mit seinem Kollegen Conrad Crane veröffentlichte und die vor den militärischen Risiken einer Irak-Invasion warnte.


General Ali Mohsen al-Ahmar hat sich offenbar von Salih abgewandt. Er ist der Kommandeur der Streitkräfte der Nordwestregion im Jemen und eines bedeutenden Panzerverbandes. Wird er nach dem Vorbild der Generäle in Ägypten der neue Königsmacher?


Was ich über meine Kontaktleute im Jemen höre, klingt in etwa so: Die Militärführung spricht schon seit Wochen von einer »weichen Landung« für das Regime. Sie haben es bislang nicht geschafft, Salih zu einem würdigen Rücktritt zu bewegen. Das Blutbad am 18. März …


… in Sanaa starben über 50 Demonstranten im Kugelhagel der Sicherheitskräfte …


... hat einen großen Teil der Armee gegen Salih aufgebracht. Ich bin allerdings nicht sicher, ob General Ali Mohsen zum Königsmacher wird. Er ist eindeutig eine Figur des Salih-Regimes, so dass viele Demonstranten in ihm keine Alternative sehen, auch nicht für eine Übergangszeit. Er wird das vielleicht versuchen, aber es stehen auch einige jüngere Offiziere in den Startlöchern, um das Land erst einmal zu führen, bis es dann hoffentlich etwas demokratischer zugeht.


Würden die USA eine Militärregierung im Jemen stützen, bevor das Land völlig auseinander bricht?


Ich habe den Eindruck, dass die US-Politik zum Jemen gerade erst entwickelt wird. Vermutlich wird man jede auch nur halbwegs anständige Regierung einem Auseinanderfallen des Landes vorziehen. Ein Zerfall, womöglich noch gefolgt von Bürgerkrieg, wäre für den Jemen – aber auch für den Westen – der wohl größte anzunehmende Unfall. Die Armee sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass jede Machtübernahme nur temporär sein darf, andernfalls gäbe es viel böses Blut und weitere Proteste.


»So beliebt wie die ägyptische ist die jemenitische Armee nicht!«

Sehen denn die Jemeniten die Armee als eine stabilisierende Kraft? Und hat die Armee einen guten Ruf?


Wenn ihre Führung jetzt beweist, dass sie gute Absichten hat, könnte sie viele Menschen hinter sich bringen. Dennoch: Die jemenitische Armee ist nicht so respektiert bei der eigenen Bevölkerung wie beispielsweise die ägyptische. Viele Offiziere gelten als korrupt, und dieses Bild zieht sich durch alle Kommandoebenen, bis hin zum kleinen Wachsoldaten an einer Straßensperre. Viele Jemeniten auf dem Land sind unzufrieden mit der Rolle der Armee in der so genannten inneren Sicherheit – das Militär mischt sich schließlich stark in die Angelegenheiten der Stämme ein.


Der US-Regierung scheint angesichts der Situation im Jemen alles andere als wohl zu sein.


Sie ist besorgt, das hat sie ja bereits gesagt. Was auch immer geschieht – Amerika hofft natürlich, dass jede neue Regierung in Sanaa den USA gegenüber freundlich gesinnt bleibt. Schließlich sind einige – Gott sei dank erfolglose – schwere Terroranschläge gegen amerikanische Ziele vom Jemen aus geplant worden.


Denken Sie, dass Al-Qaida und andere terroristische Gruppen von der derzeitigen Lage im Jemen profitieren?


Ja. Wenn die Regierung durch die politischen Kämpfe über eine längere Zeit gelähmt bleibt, bekommt Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel wieder sehr viel Raum zum Atmen.


An eine Fortsetzung des gemeinsamen amerikanisch-jemenitischen Kampfes gegen Al-Qaida ist derzeit ja eher nicht zu denken. Oder doch?


Derzeit ist das jemenitische Militär mehr mit dem Konflikt zwischen Regierung und Protestbewegung beschäftigt als mit dem Kampf gegen Al-Qaida. Die Organisation wird deshalb neue Leute anwerben, sich neu aufstellen und ihren Einfluss bei den Stämmen höchstwahrscheinlich ausdehnen. Salih hat ja einige Stammesführer schlicht und einfach geschmiert, damit sie sich von Al-Qaida fernhalten.


»Die Jemeniten hören vor allem auf die Signale aus Riad«

Wie sieht denn die Notfallplanung des US-Militärs und der Geheimdienste aus? Wird man das gesamte Personal abziehen oder eher verstärken?


Tut mir leid, darüber habe ich keinerlei Informationen.


Und kann die US-Armee die Entscheidungen der jemenitischen beeinflussen? Es gibt doch enge offizielle – und inoffizielle – Beziehungen.


Die USA haben ein sehr bedeutendes Hilfsprogramm für den Jemen laufen, aber wir sind nicht dessen engster Partner. Saudi-Arabien unterstützt das Land und hat viel mehr Einfluss auf Salih. Ich glaube: Die Jemeniten hören viel mehr auf Riad als auf Washington.


Denken Sie, dass die USA dem jemenitischen Miltär signalisiert haben: »Wenn Ihr Euch gegen Salih stellt und die Macht übernehmt, habt ihr unsere Deckung!« In Ägypten scheint es ja so abgelaufen zu sein.


Ich bin da nicht sicher. Was auch immer passiert, wird von der jemenitischen Bevölkerung entschieden, Amerika kann einen Machtwechsel nicht einfach inszenieren. Die jemenitische Armee wird sich durchaus für die Meinung der USA interessieren, aber sie handelt natürlich völlig unabhängig.



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