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Marian Brehmer
Lahore sieht nicht viele Touristen in diesen Herbsttagen, um nicht zu sagen gar keine. »Vor einigen Jahren waren es noch mehr und vor dem 11. September 2001 war die Stadt ein beliebtes Reiseziel«, sagt Usman, der an der Punjab University von Lahore Deutschkurse besucht. Wenn er auf der Straße einen Ausländer erblickt, spricht er ihn auf Deutsch an – in der Hoffnung, seine Sprachkenntnisse ausprobieren zu können. Doch seit vielen Monaten ist er hier niemandem mehr begegnet.
Usman sieht aus, wie sich viele Westler einen Islamisten vorstellen: Er trägt einen langen Bart und einen grünen Turban auf dem Kopf. Sein gewinnendes Lächeln jedoch bricht das Bild, Bart und Kopftracht sind Erkennungszeichen eines mystischen Sufi-Ordens, dem der Student angehört. Man könnte meinen, Usman habe jede Stunde seines Lebens in Lahore verbracht, so geschickt wie er mit seinem Motorrad durch die verwirrend verwinkelten Gassen der Altstadt navigiert. Und so ist es auch. »Ich bin noch nie aus der Stadt hinausgefahren, hier gibt es doch alles!«
Islamabad ist das politische Zentrum Pakistans, Karachi die Wirtschaftsmetropole und Lahore die kulturelle Hauptstadt Pakistans. Die Stadt ist übersät von Schreinen und heiligen Grabmälern von Ordensmännern. Die Mogul-Dynastie des indischen Subkontinents hat in Lahore zahlreiche Moscheen und Monumente hinterlassen, die es verdient hätten, große Besucherströme anzuziehen, wie es im nur 25 Kilometer entfernten Nachbarn Indien Alltag ist.
Doch Pakistan befindet sich seit einigen Jahren in einer Terror- und Gewaltspirale, die kein Ende zu nehmen scheint. Manche Medien sprechen vom »gefährlichsten Land der Welt«, das wissen auch die Pakistanis. »We are no terrorists!«, ruft jemand in einer der Basarstraßen der Altstadt und lädt auf einen Tee ein. Man ist verwundert über ausländische Gesichter und freut sich über Besucher in diesen unsicheren Zeiten. »Was denkst du über die Pakistanis?«, wird sofort gefragt.
Vor dem Delhi Gate, dem Tor zur Altstadt, gleicht Lahore einem Freiluftzoo. Pferde- und Eselkarren transportieren Waren zum Basar, Kühe stehen gelassen am Straßenrand und Hühner warten in winzigen Käfigen auf ihr letztes Stündchen. In der Altstadt findet man sich in einem Labyrinth von geschäftigen Marktgassen wieder. Grüppchen von Frauen mit Babies auf dem Arm beäugen bunte Stoffe und schieben sich zur Straße der Juweliere durch. Männer mit Handkarren preisen ihr Gemüse an, Jungs verkaufen Erdnüsse und Maiskolben. Hier ist Alltag, der Terrorismus ist anderswo, vermittelt der bunte Basar.
Lahore galt nach dem 11. September lange Zeit als sicherste Stadt Pakistans. Sie liegt mehr als 500 Kilometer entfernt von Khyber-Pastunischstan und den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan, den Hochburgen der pakistanischen Taliban. Im letzten Jahr jedoch ist Lahore mehrfach Ziel von Terroranschlägen geworden. Besonders die Schreine der Sufis, die von islamistischen Hardlinern als Ungläubige angesehen werden, sind zu einem beliebten Ziel von Selbstmordattentätern geworden.
Die Militärpräsenz in Lahores Straßen scheint diese Bedrohungslage widerzuspiegeln. Wer von den Vororten in einer Motorrikscha ins Stadtzentrum fahren will, muss eine Handvoll Checkpoints passieren, an denen schwer bewaffnete Polizisten stichprobenartig Fahrzeuge anhalten und kontrollieren. Vor dem Data Darbar Schrein, einem der populärsten Pilgerorte Pakistans, stehen nun metallene Sperrzäune. Dreimal wird jeder Besucher von Sicherheitsbeamten abgetastet, bevor er in den großen Komplex eintreten darf. Über dem weitläufigen Innenhof und dem Grab des Sufiheiligen liegt eine friedvolle Aura. Nichts erscheint einem inmitten der im stillen Gebet versunkenen Gläubigen ferner als ein Terroranschlag. Doch am 1. Juli sprengten sich genau an diesem Ort zwei Selbstmordattentäter in die Luft und rissen mindestens fünfzig Menschen in den Tod.
Viele Lahoris sehen die Gewalt in ihrer Stadt als eine Folge der Einmischung der Vereinigten Staaten in Pakistan. Die USA, die im Krieg gegen den Terrorismus mit Pakistan unter dem früheren Präsidenten General Musharraf eine folgenreiche Ehe schlossen, werden hier immer mehr als eigennützige Imperialisten wahrgenommen. Bombenangriffe der Nato haben in den letzten Jahren wiederholt pakistanische Zivilisten das Leben gekostet, das Image der ausländischen Truppen hat sich dementsprechend verschlechtert. Zudem ist es mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass der pakistanische Geheimdienst ISI ein doppeltes Spiel betreibt und sowohl mit den USA, als auch mit den Taliban kooperiert.
Am größten jedoch ist der Groll gegen die eigenen Politiker, er ist bei jedem Pakistani zu spüren. Die einzig wirklich beliebte Figur in Pakistan ist der Staatsgründer Mohammad Ali Jinnah, der jede pakistanische Rupie ziert. »Kein Präsident hat sich bisher auch nur ein bisschen diesem Land verpflichtet gefühlt«, meint Usman und man merkt, dass er lieber über etwas anderes sprechen möchte als die leidige Politik. Pakistan hat in den gut sechzig Jahren seines Bestehens drei Militärregime erlebt. Viele Politiker endeten am Strang oder vor dem Pistolenlauf. Zuletzt kam im Dezember 2007 die zweifache Premierministerin Benazir Bhutto bei einem Bombenattentat während einer Wahlkampfveranstaltung ums Leben. Wie viele Pakistanis hat Usman angesichts der chronischen politischen Instabilität längst resigniert.
Gegenüber der Altstadt spielen in einem kleinen Park zwei Jungs Kricket und lassen all das vergessen. Von den Briten auf den Subkontinent gebracht, teilen die Pakistanis mit Indien die große Leidenschaft für das bei uns weitestgehend unbeachtete Kricket-Spiel. Usman holt auf dem Rasen sein Deutschbuch heraus und knabbert an einem grammatischen Problem. Mit den drei Artikeln hat er noch seine Schwierigkeiten. Er mag die deutsche Sprache, weil sie so klar und logisch ist, meint er. Die Deutschen bewundere er für Disziplin und Entschlossenheit, zwei Qualitäten, die in Pakistan selten seien.
Das kleine Restaurant, in dem Usman zu Mittag isst, liegt über einer Reihe von gut besuchten Klamottengeschäften. Es werden Reis, Fladenbrot und Linsen serviert. Die Luft ist schwül und heiß, der Dampf aus den großen Kochtöpfen steht an der Decke, die alten Ventilatoren über den Köpfen der Gäste bewegen sich keinen Zentimeter. Jeden Nachmittag von zwei bis vier und abends von acht bis zehn wird in Lahore der Strom gekappt. Nur wer einen eigenen Generator hat, bleibt vom Schwitzen verschont. Usman nennt das eine »Menschenrechtsverletzung« und besteht darauf, dass dies in Deutschland bekannt würde. Viel mehr als das Risiko eines Terroranschlags in den Gassen der Altstadt, wo er mit seinen Eltern unter einem Dach lebt, scheinen ihn die tagtäglichen Stromausfälle zu tangieren. Sie sind in Pakistan das einzig Vorhersehbare in einer Zeit der Unvorhersehbarkeit.
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