Quicknews

Veranstaltungszentrum für den ESC 2012 09.08.2011

Abrissbirnen für den Eurovision Song Contest in Aserbaidschan

Sara Winter-Sayilir


Ganz in der Nähe der großen Zentrale von BP in Baku, an der Küste des Kaspischen Meeres, steht der mit 162 Metern zweithöchste Fahnenmast der Welt. Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev lässt sich dort gerne fotografieren und zeigt sich öffentlich. Er ist derzeit gut gelaunt, zumal Aserbaidschan erstmalig die Trophäe des »Eurovision Song Contest« gewonnen hat. Vieles spricht dafür, dass hier, gleich neben der Fahne, das neue Veranstaltungszentrum gebaut werden wird – der Schlagerwettstreit gastiert schließlich im Mai 2012 in Baku.


Bisher verfügt Baku über keine geeignete Spielstätte, Schätzungen zufolge werden bis zu 30.000 Gäste aus aller Welt erwartet. Das Größte, was Baku bisher zu bieten hat, ist das Tofiq-Behramov-Stadion mit 14.000 Sitzplätzen. Auch an Hotelbetten mangelt es der Ölmetropole. Gerade hat die Luxuskette Kempinski ein Haus eröffnet. Four Seasons, Marriott, Hilton und Jumeirah legen bald nach. Um die Kontrolle über die Bettenpreise und -vergabe während des ESC zu behalten, untersagte das Kultur- und Tourismusministerium kürzlich allen Hotels, bereits Zimmer für die Daten um den Wettbewerb zu vermieten. Vorbestellen können die Fans also noch nicht.


Reservierungen für Hotelzimmer bis auf Weiteres verboten

Doch zunächst gilt es, den Veranstaltungsort festzulegen. Aserbaidschan entscheidet nicht allein, wo genau der ESC stattfinden wird. Ausrichter ist die »European Broadcasting Union«, der europäische Verein der öffentlichen Rundfunkanstalten mit Sitz in Genf. Sietse Bakker leitet das Riesenprojekt ESC. »Wir fordern, dass die lokalen Veranstalter unter anderem die Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und ein barrierefreies Internet für die Gäste, Fans, Crew, Teilnehmer und Presse rund um den ESC garantieren können«, sagt Bakker im Gespräch mit zenith. Falls nicht, können Sanktionen verhängt werden – von Geldbußen bis zum Ausschluss vom Wettbewerb oder dem Verlust des Gastgeberstatus.


Laut Bakker ist noch nicht entschieden, wo genau der ESC in Baku stattfindet. Zwar habe kürzlich in Genf ein erstes Treffen zwischen den aserbaidschanischen ESC-Ausrichtern von Ictimai TV, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Kaukasusrepublik, stattgefunden. Bereits in dieser Woche reist eine Delegation der EBU nach Baku.


Aserbaidschans Regierung schafft indes Fakten: Leyla Aliyeva, Tochter des Präsidenten, ließ jüngst auf der offiziellen Website eurovisionaz.com verlauten, dass ein neues Veranstaltungszentrum am Ufer des Kaspischen Meeres gebaut werde. Auf der Nachrichtenwebsite modern.az ist zu lesen, dass dieser Komplex im Stadtteil Bayil direkt neben dem Fahnenmast entstehe. Das Sport- und Veranstaltungszentrum solle im März nächsten Jahres fertiggestellt werden – für 25.000 Gäste. Bereits am 7. Juli unterschrieb Präsident Ilham Aliyev eine Präsidialverordnung für den Bau eines solchen Komplexes. Sietse Bakker vom ESC ist über die Neuigkeiten erstaunt: »Solange wir nicht unser grünes Licht gegeben haben, können sie in Aserbaidschan bauen, was sie wollen. Mit dem ESC hat das nichts zu tun.«


Wer den Gebäudekomplex in der unglaublich kurzen Zeit bis nächsten März bauen soll? Nach zenith-Informationen wird es sich höchstwahrscheinlich um eine deutsche Baufirma handeln. Schätzungen des Deutsch-Aserbaidschanischen Wirtschaftsfördervereins (DAWF) zufolge sind derzeit etwa 200 deutsche Firmen in Aserbaidschan aktiv, 110 davon sind im DAWF Mitglied. Rasim Mammadov vom Industrie- und Energieministerium beziffert die bisherige Gesamthöhe deutscher Investitionen in Aserbaidschan auf etwa zwei Milliarden Euro: Bauwesen, Umwelttechnologie, Nahrungsmittelproduktion, Landwirtschaft, Energie und Consulting.


Ein Investitionsschutzabkommen soll Unternehmen vor Korruption und Willkür schützen. Florian Schröder, Geschäftsführer des DAWF in Baku, sieht dem ESC mit Freude entgegen: »Baku wird sich als weltoffene, moderne und tolerante Metropole am Kaspischen Meer präsentieren. Der ESC wird Aserbaidschan näher an Europa, und Europa näher nach Aserbaidschan heranrücken.« Die Vorbereitungen dazu liefen bereits auf Hochtouren.


Eine deutsche Firma soll den Bauauftrag bekommen

Neben dem Fahnenmast, wo angeblich das neue Veranstaltungszentrum gebaut wird, steht derzeit noch ein L-förmiger Wohnblock. Dort besitzt Natalija Alibekova eine Eigentumswohnung, die nun abgerissen werden soll. Erstmals erfuhr sie im Januar 2010 von den Umbauplänen der Bezirksverwaltung – lange vor dem Sieg Aserbaidschans beim ESC. »Man bot uns damals rund 1350 Euro pro Quadratmeter Entschädigung«, sagt sie. Der Marktpreis liege etwa doppelt so hoch. Die 62 Jahre alte Dame lebt seit 2001 in dem Wohnblock, der 72 Familien beherbergt.


Ein Jahr lang passierte nichts mehr, und die Bewohner vergaßen allmählich die unheilvolle Verkündung. Bis im Februar 2011 plötzlich eine kleine Blechhütte in ihrem Hof stand. Darin saßen Angestellte der Staatlichen Eigentumskommission, die den Anwohnern erzählten, sie müssten sich eine neue Bleibe suchen. Es stünden ihnen neue Apartments in den Vorstädten zur Verfügung, in Hochhäusern gebaut von Azinko, einer aserbaidschanischen Baufirma. Von einer Kompensation in bar war nicht mehr die Rede.


Zudem bezweifeln viele die Sicherheit der Neubauten – das Haus Nr. 5 hat hingegen ein großes Erdbeben unbeschadet überstanden. »Wir können nicht zum Gericht gehen, weil wir keine offiziellen Dokumente in der Hand haben«, sagt Alibekova. Normalerweise hätte man ihnen Einsicht in die Baupläne verschaffen müssen. Einzig die Räumungsaufforderung kam schriftlich. Sollten sie nicht gehen, würden Maßnahmen gegen sie ergriffen, hieß es da. Nun beginnen die Bauarbeiter schon damit, erste Wohnungen zu entkernen.


Eine gängige Praxis im Rahmen der Verschönerungsarbeiten: An vielen Orten der Bakuer Innenstadt wurden Menschen innerhalb kürzester Zeit aus ihren Wohnungen geworfen. Ist zum Zeitpunkt der Räumung keiner zu Hause, wird das persönliche Hab und Gut in Abwesenheit zerstört. Videoaufnahmen lokaler Journalisten auf Youtube zeigen verzweifelte Bewohner in den Trümmern ihrer ehemaligen Behausungen. Dazwischen klettern kleine Abrissraupen über die Ruinen.


Ein Betroffener, der lieber anonym bleiben möchte, hat seine 45 Quadratmeter große Wohnung im zentral gelegenen, so genannten Winterpark-Areal verloren. »Wenn man selbst für den Staat arbeitet, überlegt man sich gut, ob man vor Gericht geht«, sagt der junge Mann. Die Eigentumskommission begründet die Maßnahme mit einem staatlichen Anspruch auf die Grundstücke, der eigentlich nur bei wichtigen Verkehrswegen oder Militäreinrichtungen gilt.


Mit dem Abriss wird viel Geld verdient. Die Familie des Vorsitzenden der Eigentumskommission, Kerem Hasanov, scheint davon zu profitieren. Denn Hasanovs Bruder Malik gehört die Baufirma Azinko, die den Abriss der meisten Häuser besorgt – er sitzt zudem als Abgeordneter der Regierungspartei YAP im Parlament.


Einige Betroffene haben Beschwerde eingelegt. Sie schrieben unter anderem dem Präsidenten. Eine Antwort bekamen sie nicht. Inzwischen hat sich auch Human Rights Watch gegen die Enteignungen und die Zerstörung intakter Wohnhäuser in Baku ausgesprochen. Sietse Bakker von der EBU möchte darüber nicht urteilen: »Wir organisieren das größte Musikereignis der Welt und klären keine Menschenrechtsfragen. Aber wir machen die Veranstaltung für das Volk und nicht für die Regierung.«



VAE: Reduzierte Arbeitszeiten während des Ramadan

zenithDebatte

Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft und Religion verfechten ihren Standpunkt zu einem aktuellen Thema.

Kalender

zenith im Abo

Abonnieren Sie jetzt 6 Ausgaben zenith für 45 EUR im Jahr (36 EUR für Studenten)

 

weiterlesen

zenith Edition

Reaching for the Sun?

The Search for Sustainable Energy Policies in North Africa and the Middle East

 

click here for content & order details