Ausschnitt aus der Doku »A Handful of Ash« der NGO »WADI«, die sich gegen weibliche Genitalverstümmelung in Kurdistan einsetzt

Gesellschaft

Irak Gesellschaft Frauen

Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung

15.08.2014

»Wer zur Beschneidung von Mädchen aufruft, sollte verurteilt werden«


Falah Shakarm von der NGO »WADI« berichtet, warum weibliche Genitalverstümmelung in Irakisch-Kurdistan so verbreitet, aber zugleich ein Tabuthema ist – und warum er glaubt, dass der Prophet die Praxis eigentlich abschaffen wollte.


Ist die Beschneidung von Mädchen in Irakisch-Kurdistan bis heute ein Tabuthema?

 

Für die Mehrheit der Gesellschaft, ja. Es ist schamvoll, über weibliche Körperteile – insbesondere Genitalien – zu sprechen. Diese Mentalität ist im kurdischen Volk bis heute stark verankert. Die weibliche Genitalverstümmelung ist eine jahrtausendalte Tradition, die aus dem pharaonischen Ägypten stammt. Mit der Expansion des Islams erreichte sie den Mittleren Osten und somit Kurdistan. Viele Menschen glauben, der Islam schreibe die weibliche Genitalverstümmelung vor. Das ist ein Problem für uns; man hält uns oft für islamfeindlich. Wiederum deutet die Tatsache, dass wir seit zehn Jahren Aufklärungsarbeit zum Thema betreiben darauf hin, dass das Tabu gewissermaßen auch gebrochen ist. In Presse, Funk und Fernsehen wird mittlerweile über das Problem gesprochen. Die Diskussion über weibliche Genitalverstümmelung ist in der Öffentlichkeit angekommen.

 

Befürworter der Tradition sagen, ein Mädchen sei »unrein«, solange es nicht beschnitten ist. Was sind die Motive, worauf sich Eltern stützen, wenn sie ihre Töchter beschneiden lassen? Im Koran steht ja nichts zur Beschneidung von Mädchen.

 

Sie berufen sich auf Gebote von Tradition und Religion. Viele alte Leute sagen von Mädchen, die nicht beschnitten sind, sie seien schmutzig, man könne nicht von ihrer Hand essen. Oder eine unbeschnittene Frau werde Krebs bekommen. Das Problem ist das patriarchale System, die Kontrolle über die Frau. Es gibt viele Arten, Frauen zu kontrollieren, die weibliche Genitalverstümmelung ist eine davon. Polygamie und Gewalt gegen Frauen sind andere Formen der Unterdrückung. Sie werden wie Eigentum behandelt. Von den islamischen Rechtsschulen empfehlen drei die weibliche Genitalverstümmelung, und nur eine, die schafi'itische, schreibt sie vor –  jedenfalls meinen dies die Befürworter der Tradition. Die Kurden sind Schafi'iten, deshalb werden hierzulande so viele Mädchen beschnitten. Man kann die Authentizität der Quellen bezweifeln. Außerdem sollte man die entsprechenden Hadithe im historischen Kontext verstehen.

Falah Shakarm

ist Projektkoordinator der NGO »WADI« in Suleimaniya«. 2004 begann WADI, sich gegen weibliche Genitalverstümmelung in Irakisch-Kurdistan einzusetzen. Im Januar 2012 richteten WADI und »Hivos« in Beirut die erste Konferenz zu weiblicher Genitalverstümmelung im Nahen Osten aus.

Wie verstehen Sie denn den historischen Kontext?

 

Eine Frau soll den Propheten gefragt haben, ob die Beschneidung obligatorisch sei. Er soll geantwortet haben: »Falls ihr es tut, dann schneidet nur ganz wenig davon weg.« Zu dieser Zeit war es für Muhammad unmöglich, diese Tradition abzuschaffen, weil sie in der Gesellschaft stark verankert war. Ich bin daher überzeugt, dass sein Ziel war, die weibliche Genitalverstümmelung Schritt für Schritt abzuschaffen. In Kriegszeiten vor tausend Jahren beschnitt man Frauen, um sie davon abzuhalten, andere Männer zu haben, während ihre eigenen Männer im Krieg waren. Leider befinden wir uns heute wieder in Kriegszeiten, und deshalb greifen wieder die gleichen Mechanismen wie damals. Für Frauenrechte interessiert sich zurzeit niemand, es geht darum, wer mutig ist und gegen den Islamischen Staat in den Kampf zieht. Die Kampagne gegen die Genitalverstümmelung haben wir vor zehn Jahren gestartet, als in Irakisch-Kurdistan weitgehend Frieden herrschte.

 

Hat der Islamische Staat (IS), vormals ISIS, tatsächlich Ende Juli die Genitalverstümmelung aller Mädchen und Frauen im irakischen Mossul angeordnet oder handelte es sich um eine Falschmeldung?

 

Im Internet kursiert seit längerem – nicht erst seit der Machtübernahme Mossuls durch den IS – eine Fatwa. Dabei handelt es sich nicht um einen Befehl, und der Ausstellungsort war auch nicht Mossul. Doch das Gutachten widerspricht dem vom IS vertretenen salafistischen Islam nicht.

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Wieviel Prozent der Mädchen in Irakisch-Kurdistan werden heute noch beschnitten?

 

Es ist schwierig, eine Statistik aufzustellen, weil das Thema noch immer weitgehend tabu ist. Im Jahr 2009 befragte WADI Frauen zwischen 14 und 99 Jahren. Im Durchschnitt gaben 72 Prozent der Frauen in der Autonomen Region Kurdistan an, beschnitten zu sein, bei den 14-Jährigen waren es 50 Prozent, die Tendenz war also abnehmend. In Kirkuk waren es 38,8 Prozent, im Südirak 25 Prozent. Diese Zahlen dürften jedoch ungenau sein. In der kurdischen Region des Iraks kann man keine Unterschiede beobachten bezüglich Bildungsniveau oder Wohnort; die Mentalität auf dem Land wie in der Stadt ist dieselbe. Saddam hatte den Großteil der dörflichen Gemeinden und Strukturen zerstört, die Bevölkerung der zerstörten Dörfer und Städte wurde zu Hunderttausenden in »Kollektivstädte« deportiert. Die wenigsten Leute leben seit mehreren Jahrzehnten am gleichen Ort.

 

Welche Art von weiblicher Genitalverstümmelung wird in Irakisch-Kurdistan praktiziert und in welchem Alter werden Mädchen beschnitten?

 

Die Mädchen werden meistens im Alter zwischen drei und acht Jahren beschnitten. Die verschiedenen Verstümmelungsformen reichen von der Entfernung der Klitoris und der mehr oder weniger weit reichenden Beschneidung der Schamlippen bis hin zur so genannten pharaonischen Beschneidung. Meistens wird die Klitoris gänzlich oder teilweise entfernt. Die pharaonische Beschneidung bedeutet, dass die Klitoris und die Schamlippen weggeschnitten werden, und die Wunde danach zugenäht wird.

 

Gibt es auch andere Männer, die sich wie Sie gegen weibliche Genitalverstümmelung einsetzen?

 

Es gibt nur wenige Männer, einige Ärzte, ich fühle mich allein. Seit mehreren Jahren versuche ich, eine Lobbygruppe aus Männern zu gründen. Aber ich bin bisher nicht erfolgreich damit. Die weibliche Genitalverstümmelung wird als ein Frauenthema abgestempelt. Aber das stimmt nicht, ich bin ja der Sprecher für das Thema (lacht).

»Es wird Jahre dauern, bis das Gesetz umgesetzt wird – aber es hilft uns, die Regierung unter Druck zu setzen«

Seit 2011 gibt es in der Autonomen Region Kurdistan ein Gesetz, das die weibliche Genitalverstümmelung verbietet.

 

Das war ein Meilenstein – ein sehr wichtiger Schritt, der erst nach einem langen Kampf möglich wurde. Parlamentsabgeordnete und Regierungsmitglieder neigten zunächst dazu, das Problem der weiblichen Genitalverstümmelung zu leugnen oder kleinzureden. Zwischen 2004 und 2007 arbeitete WADI vor allem im Geheimen. 2007 starteten wir eine Kampagne und sammelten 14.000 Unterschriften, um eine Gesetzesvorlage ins Parlament zu bringen. 2010 veröffentlichte das Gesundheitsministerium schließlich eigene Untersuchungsergebnisse, denen zufolge die Rate der weiblichen Genitalverstümmelung 41 Prozent betrug. Internationale Medien wurden auf die Debatte aufmerksam, und am 20. August 2011 trug die jahrelange Kampagnenarbeit endlich Früchte: Das Parlament verabschiedete ein neues Gesetz gegen häusliche Gewalt, das erstmals auch weibliche Genitalverstümmelung unter Strafe stellte.

 

Wird das Gesetz auch umgesetzt?

 

Hier liegt das Problem. Das Parlament der Autonomen Region Kurdistan verabschiedete das Gesetz unter massivem Druck. Es gibt bisher keinen Plan und auch kein Budget. Aber UNICEF und eine amerikanische Nichtregierungsorganisationen arbeiten mit uns und der Regionalregierung an der Planung von konkreten Aktivitäten. Wir müssen realistisch sein, es wird Jahre dauern, bis das Gesetz umgesetzt ist. Wir können von Glück sagen, wenn dies in zehn oder zwanzig Jahren der Fall sein wird. Aber das Gesetz hilft uns, die Regierung unter Druck zu setzen.

 

Reicht denn allein der Weg über den Gesetzgeber?

 

Die ganze Gesellschaft muss aufgeklärt werden. WADI hat in den vergangenen drei Jahren über 50.000 Broschüren zur Aufklärung über das Gesetz drucken lassen, die Beraterinnen in Schulen und Dörfern verteilen. Es ist nicht richtig, Mütter zu bestrafen, die ihre Töchter beschneiden lassen. Zuerst müssen die Mütter aufgeklärt werden. Wenn aber Regierungsabgeordnete oder hohe Geistliche zur weiblichen Genitalverstümmelung aufrufen, sollten sie dafür verurteilt werden.




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