Israelische Panzer auf dem Weg nach Gaza|Foto:dpa-PA

Gesellschaft

Israel / Palästina Gesellschaft Konflikte

Krieg und Frieden in Israel und Palästina

18.07.2014

Warum ich Palästina verlasse


Vier Jahre arbeitete Jörg Knocha als Programmmanager der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ramallah. Inmitten der neusten Eskalation in Gaza lässt er Land und Konflikt nun hinter sich – auch um nicht zum Zyniker zu werden.


Vor einigen Tagen antwortete ich einem Bekannten, der sich nach der Situation erkundigte, dass man sich an die regelmäßigen Eskalationen, das Blutvergießen und selbst den Tod ungezählter Zivilisten gewöhnen kann. Er bezeichnete das treffend als guten Indikator für den richtigen Zeitpunkt, um weiterzuziehen.

 

Dieser Moment ist nun also da. Nach über vier Jahren verlasse ich Palästina. Natürlich habe ich mich nie wirklich mit einem Zustand abgefunden, der so weit von dem entfernt ist, was ich aus Deutschland gewohnt war. Aber man stumpft ab. Überflutet von Bildern toter Kinder, die nun tagtäglich in den Lokalzeitungen abgedruckt oder auf Facebook veröffentlicht werden. Schockiert über die Berichte von teils israelischen Menschenrechtsorganisationen zu ungestraft bleibenden Angriffen auf palästinensische Zivilisten oder zu den unmenschlichen Lebensbedingungen im Gazastreifen.

 

Natürlich gab es in der gleichen Zeit auch fürchterliche Anschläge auf Israelis, wie das Auslöschen einer Familie in der Siedlung Itamar durch zwei palästinensische Jugendliche , die durch nichts zu rechtfertigen sind. Die Verschwörungstheorien zur möglichen Täterschaft asiatischer Gastarbeiter haben mich damals sprachlos werden lassen. Doch die Unverhältnismäßigkeit in diesem Konflikt lässt jeden Versuch der Neutralität, manchmal auch der eigenen Objektivität, zu einer Herkulesaufgabe werden.

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Das trifft vor allem auf den Gazastreifen zu. Wenige Wochen nach meiner Ankunft in Ramallah im April 2010 wurden neun Aktivisten an Bord der Mavi Marmara, die die Blockade des Gazastreifens medienwirksam durchbrechen wollte, von israelischen Spezialeinheiten getötet. Bei meinem ersten Besuch in Gaza wurde ich Augenzeuge einer gezielten Tötung von zwei palästinensischen Militanten auf einer der Hauptverkehrsstraßen in Gaza-Stadt. Kurz nach der letzten größeren israelischen Militäraktion in Gaza im November 2012 konnte ich mir persönlich ein Bild vom Ausmaß der Zerstörungen machen.

 

Meistens übernachtete ich mit meinen Kollegen im Deira-Hotel an der Strandpromenade Gazas. Von dieser Unterkunft aus wurden nun internationale Journalisten Zeugen, wie vier Fußball spielende Kinder durch einen vom israelischen Militär als tragisch bezeichneten Angriff aus dem Leben gerissen wurden. Einer der Journalisten wurde von seinem Arbeitgeber nun abgezogen. Angeblich hatte man Zweifel an seiner Fähigkeit, weiterhin objektiv berichten zu können. Die Vorstellung, dass auch ich einer der Beobachter hätte sein können, wird mich noch eine Zeit lang beschäftigen.

 

Die scheinbare Unmöglichkeit einer sachlichen Berichterstattung zeigt sich bereits in der teils unkommentierten bildlichen Aneinanderreihung von Schäden durch die teils in Eigenproduktion hergestellte Raketen der Hamas und von massivem israelischen Artillerie-, Bomben- und Raketenbeschuss. Auch wenn es einen nicht klein zu redenden Unterschied zwischen der beabsichtigten Tötung von Zivilisten, wie sie von der Hamas oder dem Islamischen Jihad betrieben wird, und dem Inkaufnehmen von sogenannten Kollateralschäden gibt, so sollten an eine sich als westliche Demokratie verstehende Nation andere moralische Ansprüche angelegt werden als an Terrororganisationen.

 

Von der unerträglichen Situation in grenznahen israelischen Orten wie Sderot und der psychischen Belastung gerade für Kinder konnte ich mich mehrmals selbst überzeugen. Wie viel größer muss aber das Leid sein, wenn man, wie in Gaza, weder die Möglichkeit hat zu fliehen, noch über ein Frühwarnsystem, Schutzräume oder gar ein hochentwickeltes Raketenabwehrsystem verfügt?

 

Die an eine kollektive Bestrafung erinnernden israelischen Militäraktionen nach dem Mord an drei Jugendlichen im Westjordanland oder derzeit in Gaza haben bei mir zur Frage geführt, ob und wie ich mein unkompliziertes Leben als Ausländer in Ramallah mit der Gesamtsituation vereinbaren kann. Meine Antwort darauf ist, dass ich dazu immer weniger in der Lage bin. Nach vier Jahren Palästina bin ich zur Einsicht gekommen, dass, wie sehr ich das Land und die Menschen auch vermissen werde, es besser ist, zu gehen, bevor mein innerer Konflikt mich zu einem Zyniker werden lässt.

 

Jörg Knocha war seit 2010 Programmmanager bei der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) Ramallah. Der Artikel stellt die Meinung des Autors dar und spiegelt nicht grundsätzlich die Meinung der KAS Ramallah wider.

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