Im Stich gelassen: Flüchtlinge im Camp Choucha an der tunesisch-libyschen Grenze|Foto:Chris Grodotzki

Gesellschaft

Tunesien Gesellschaft Konflikte

Flüchtlinge in Tunesien

17.06.2014

Vergessen in der Wüste


An der tunesisch-libyschen Grenze sitzen 400 Geflüchtete in der Sahara fest. Seit über einem Jahr leben sie ohne Versorgung in den Überresten eines abgewrackten UN-Camps. Als Ausweg bleibt ihnen oft nur die Flucht über das Mittelmeer.


Im November weht ein kühler Wind durch die Sahara. Vom Mittelmeer, ungefähr aus Richtung Lampedusa, weht er den Winter nach Tunesien. Wenige Kilometer vor der Grenze zu Libyen sitzt ein junger Mann im Eingang eines notdürftig abgedeckten Zeltes und starrt mit leerem Blick in die triste Landschaft. Ab und zu spuckt er aus, sein Speichel bildet merkwürdige Muster im Wüstensand. Vor ihm liegt eine karge Ebene, übersät mit Müll, vereinzelten Sträuchern und großen, heruntergekommenen Zelten. Sie tragen die blauen und roten Logos großer Organisationen – UNHCR, Rotes Kreuz, Roter Halbmond oder Islamic Relief – und doch entsprechen sie nicht dem Bild der typischen Notunterkünfte. Sie stehen nicht in Reih und Glied, die Planen sind zerrissen und wild durcheinander gespannt, manche Zelte sind komplett zerfetzt, andere zu kleinen Zeltburgen zusammengruppiert.

 

Der junge Mann, Ahmed Farah, kommt ursprünglich aus Somalia. Wie viele Geflüchtete aus den Krisenherden des mittleren Afrika fand er bis 2010 in Libyen Zuflucht und Arbeit. Doch als der Bürgerkrieg ausbrach, war es für sie nicht mehr sicher im Land. Einige libysche Rebellengruppen warfen der schwarzen Bevölkerung pauschal vor, mit dem Gaddafi-Regime kooperiert oder gar gekämpft zu haben. Es kam zu Pogromen, zu Toten – hunderttausende Arbeitsmigranten und tausende zuvor niedergelassene Flüchtlinge flohen. Die Nachbarländer aber steckten selber mitten in den Umbrüchen des arabischen Frühlings und waren mit dem Ansturm aus Libyen heillos überfordert. Das Hohe Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) und andere Hilfsorganisationen errichteten deshalb mit internationaler Unterstützung Auffanglager. Eines davon nahe der tunesisch-libyschen Grenze.

 

Auf mehreren Quadratkilometern entstand, um einen tunesischen Militärstützpunkt herum, eine Zeltmetropole – Camp Choucha – die zeitweise 20.000 Menschen Zuflucht bot. Unter Leitung der UNHCR organisierten internationale NGOs die Verpflegung der Menschenmassen, medizinische Versorgung und Bildungseinrichtungen. Viele, die die Möglichkeit hatten, kehrten nach kurzem Aufenthalt im Camp in ihre Herkunftsländer zurück. Der Rest wurde ausgesiebt.

Wer ist »Flüchtling«, wer nicht?

Nach teils monatelangen Wartezeiten starteten UNHCR-Mitarbeiter sogenannte »Refugee Status Determination« (RSD) – Interviews, in denen die Fluchtgründe und die Geschichte der Flüchtlinge erörtert werden, um herauszufinden, ob der oder die Geflüchtete die Anforderungen für einen offiziellen UN-Flüchtlingspass erfüllt. Hunderte Choucha-Flüchtlinge wurden in Folge dieser Interviews abgelehnt, ihre Versorgung eingestellt. Die Prozedur wurde im Nachhinein sowohl von den Flüchtlingen selber, als auch von Flüchtlingsorganisationen scharf kritisiert. So schreibt beispielsweise die Organisation Borderline Europe in einem Bericht vom März 2012: »Vorher gibt es weder eine Beratung noch weiterführende Informationen bezüglich des Interviews. Während den Interviews gibt es keine professionelle Übersetzung.« Dies und weitere Fehler in den Verfahren führe zum »Verdacht, dass das UNHCR die Fälle ungenau und unprofessionell bearbeitet und vor allem die Herkunft darüber entscheidet, ob ein Flüchtling als solcher vom UNHCR anerkannt wird.«

 

Für anerkannte Flüchtlinge, die vor Dezember 2011 eingetroffen waren, wurde ein Resettlement-Programm gestartet, in dessen Rahmen 3.170 Menschen in westliche Ländern umgesiedelt wurden. Ein Großteil fand in den USA Zuflucht, gefolgt von Norwegen, Schweden und Australien. Plätze in Mitteleuropa sind hingegen rar: Deutschland hatte sich 2011 bereit erklärt, über die folgenden drei Jahre jährlich 300 Flüchtlinge aus dem Programm aufzunehmen. Zum Vergleich: Schweden nimmt jährlich 1.800 Menschen auf, das 5-Millionen Einwohner kleine Finnland immerhin 500.

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Erwartungsgemäß reichte das Kontingent an Resettlement-Plätzen nicht aus, sodass neben den abgelehnten auch anerkannte Flüchtlinge im Camp zurück blieben. Zudem wurden Geflüchtete, die nach Dezember 2011 eintrafen von vornherein nicht im Programm berücksichtigt. Die einzigen Alternativen für die Verbliebenen: zurück ins bürgerkriegszerrüttete Libyen oder das lokale Integrationsprogramm im etwas stabileren Tunesien, das jedoch ähnlich wenig Perspektiven bietet. Kein funktionierendes Asylsystem, Minimalversorgung, verbreiteter Rassismus, Arbeitslosigkeit und keine Aussicht auf eine Familienzusammenführung – Alles in allem bringt das lokale Integrationsprogramm kaum eine Verbesserung zum Status Quo. Einige wählten schon zu diesem Zeitpunkt die dritte Option: Die gefährliche Reise über das Mittelmeer.

 

Andere versuchten es mit Öffentlichkeitsarbeit: Um gegen ihre aussichtslose Situation und das Fehlen internationaler Hilfe zu protestieren, zog im März 2013 eine Delegation von etwa 15 anerkannten Choucha-Flüchtlingen nach Tunis. Sie errichteten eine Mahnwache vor dem UNHCR-Büro und traten zeitweise in Hungerstreik. Gebracht hat es wenig: Am 30. Juni 2013 wurde das Flüchtlingslager Choucha offiziell geschlossen. Danach wurde die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser durch die Hilfsorganisationen eingestellt, die Infrastruktur, wie Waschräume, Schule und viele der Zelte zerstört. Notdürftig errichteten sich die übriggebliebenen Flüchtlinge kleine Zeltburgen aus den Überresten des Lagers. Ihre einzige Versorgung kommt bis heute vom Transit-Verkehr an der nahen Verbindungsstraße nach Libyen, wo die Frauen und Kinder des Camps um Wasser und Nahrungsmittel betteln.

 

Ende letzten Jahres lebten noch ungefähr 400 Menschen dort, wo einmal Camp Choucha war, 135 davon mit offiziellem Flüchtlingsstatus. Zwischen sandigen Müllbergen, leeren, vor sich hin rostenden Wassertanks und streunenden Hunden warten sie auf ein Wunder. Darauf, dass sich ein Global Player erbarmt und sie aus der Wüste holt. »Ich rede nicht von Europa oder einem speziellen Land«, erklärt Samiya Abbas »Ich muss nur von hier weg. Mein Leben leben. Normal, wie jeder andere Mensch.« Die junge Frau aus Darfur lebt seit 2011 mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern in Choucha. Die Familie hat sich drei der alten Zelte zusammengesucht, diese geflickt und am Rande des Camps mit einem improvisierten Palisadenzaun umgrenzt. Am Eingang haben sie einer streunenden Hündin und ihren Welpen einen kleinen Verschlag gebaut. Innerhalb des Zaunes ist es sauber, es könnte fast als ein ärmliches »Zuhause« durchgehen. Wenn die Räume keine Zelte wären und die Umgebung nicht Choucha.

Die Tragödie von Lampedusa nicht wiederholen

»Helft uns, die Welt hat uns in der Wüste vergessen!«, steht auf einem Transparent einige hundert Kilometer entfernt, am anderen Ende Tunesiens. Auf der Zufahrt zur deutschen Botschaft in Tunis haben tunesische Sicherheitskräfte einen mit Natodraht und Schlagbaum gesicherten Checkpoint errichtet. An der Straße vor der Barrikade packen etwa 40 Aktivisten ihre Banner aus. Es sind die Mahnwachen-Bewohner, die sich seit mittlerweile neun Monaten vor dem nahen UNHCR-Büro eingenistet haben. Zusätzlich konnten, dank internationaler Spenden, einige ihrer Schicksalsgefährten aus dem Camp für die Demonstration nach Tunis reisen. Auch ein deutscher Tourist und eine in Tunis lebende Aktivistin haben sich ihnen angeschlossen und bereits am Vorabend bei der Übersetzung der Transparente geholfen.

 

»Help us not to repeat the tragedy of Lampedusa«, steht auf einem anderen Spruchband. Azurblau wie das Mittelmeer glänzt im Hintergrund die Glasfassade der nagelneuen deutschen Botschaft.

 

Organisiert vom Netzwerk »Afrique-Europe-Interact«, fanden, parallel zur Demo in Tunis und im Hinblick auf die anstehende Innenministerkonferenz Aktionen in mehreren deutschen Städten statt. Zwei Wochen später beschlossen die Innenminister zwar weitere 10.000 Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen und lieferten ein Lippenbekenntnis zu einer Erhöhung des Kontingents an Umsiedlungsplätzen – doch zu den Flüchtlingen aus Choucha fiel kein Wort.

 

Jede Hilfe blieb aus. Der kühle Winterwind sollte einmal mehr das Einzige bleiben, was Europa nach Choucha entsandte. Und so nehmen nun, mit Beginn des Sommers, viele Choucha-Bewohner ihre Umsiedlung in die eigenen Hände: Zurück nach Libyen und von dort mit dem Boot Richtung Lampedusa – zum nächsten »Bootsunglück«, das mit fehlendem Glück nicht viel zu tun hat.


Flash ist Pflicht!

A Future Denied – Vergessen in der Wüste

Das UNHCR-Flüchtlingslager Choucha, an der tunesisch-libyschen Grenze, wurde am 30. Juni 2013 geschlossen. Die Versorgung mit Trinkwasser, Nahrungsmitteln und medizinischer Hilfe wurde eingestellt, die Infrastruktur zerstört. Trotzdem leben in dem Camp immer noch etwa 400 Menschen, Geflüchtete aus dem libyschen Bürgerkrieg, die nun auf sich gestellt der Isolation in der Wüste trotzen.



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