
Gesellschaft
Nils Metzger
Das Schicksal einer in Saudi-Arabien hingerichteten Hausangestellten bewegt ganz Indonesien. Jakarta hat jetzt ein Entsendeverbot erlassen, das die Beziehungen beider Staaten belastet.
Ruyati Binti Satubi war eine Mörderin. So urteilte ein Gerichtshof in der west-saudischen Provinz Mekka und ließ die 54-jährige Indonesierin Mitte Juni enthaupten. Dass die Hausangestellte Sapubi regelmäßig von ihrer Arbeitgeberin bedrängt wurde und laut eigener Aussage in Notwehr gehandelt habe, fand vor Gericht keinen Widerhall. Fakt ist, dass Sapubi, die 2008 von einer staatlich anerkannten Arbeitsvermittlung nach Saudi-Arabien entsandt wurde, im Januar 2010 mit einem Messer mehrfach auf die Hausherrin einstach. Fakt ist auch, dass die Hinrichtung nun eine Kette politischer Reaktionen in Gang setzte.
In unmittelbarer Reaktion zog Indonesien seinen Botschafter aus Riad ab. Man sei über die Hinrichtung nicht informiert gewesen und sehe diese Handhabung als diplomatischen Affront. Zeitungsberichten zufolge soll sich der saudische Botschafter in einem persönlichen Gespräch mit Außenminister Marty Natalegawa für das Verhalten seiner Regierung entschuldigt haben – was die Botschaft umgehend dementierte.
Zudem verkündete das Arbeitsministerium in Jakarta vergangene Woche, dass vom 1. August an keine neuen Hausangestellten mehr nach Saudi-Arabien geschickt werden dürften. Minister Muhaimin Iskandar kündigte an, das Moratorium so lange aufrecht erhalten zu wollen, bis der saudi-arabische Staat das Wohlbefinden aller häuslichen Angestellten garantieren könne.
Dass die Beziehungen zwischen Indonesien und Saudi-Arabien auf einem Tiefpunkt angekommen sind, ist auch den indonesischen Medien zu verdanken, die intensiv über den Fall berichteten und die Regierung in Jakarta unter einen enormen Handlungsdruck setzten. »Indonesien entwickelt ein Minderwertigkeitsgefühl, wann immer eine Auseinandersetzung mit Saudi-Arabien ansteht.
Untersuchungsausschüsse sollten die Rechte der Hausangestellten schützen und nicht Modelle ausarbeiten, noch mehr von ihnen nach Saudi-Arabien zu senden«, schrieb der Jakarta Globe. Auch diese Woche demonstrierten wieder dutzende Aktivisten in der Hauptstadt Jakarta für Reformen und eine deutlichere Kritik an der saudi-arabischen Justiz.
In der Vergangenheit hatte die indonesische Regierung immer wieder Expertengremien in Reaktion auf die anhaltende Kritik von Menschenrechtsgruppen und Angehörigen zusammengerufen. Diese hätten bislang jedoch kaum zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Hausangestellte in Übersee beigetragen und disqualifizierten sich durch ihr »Erbe der Vernachlässigung« selbst.
Insbesondere BNP2TKI (Badan Nasional Penempatan dan Perlindungan Tenaga Kerja Indonesia), die Nationale Behörde für den Schutz von Arbeitsmigranten, wird ein zu langsames Durchgreifen vorgeworfen. Die Behörde behauptet jedoch, von der Entsendeorganisation PJTKI nicht informiert worden zu sein.
In einer ersten Reaktion hat die BNP2TKI diese Woche ein Nottelefon für Opfer und Angehörige von Missbrauch und Ausbeutung eingerichtet. Allein in Saudi-Arabien arbeiten gegenwärtig etwa 1,2 Millionen Indonesier, rund 70 Prozent davon als Hausangestellte.
Diese Zahlen haben indessen erste Kommentatoren dazu bewegt, den Schritt, jegliche Arbeitsmigration nach Saudi-Arabien zu verbieten, zu kritisieren. Die Jakarta Times macht auf die wirtschaftliche Bedeutung der Gastarbeiter aufmerksam, die jedes Jahr Milliardenbeträge zurück in ihre Heimat überweisen. »Der Entsendestopp sollte nur eine vorübergehende Maßnahme sein«, so die Zeitung. Zudem sei die zunehmende nationalistische Färbung der Debatte im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen in Saudi-Arabien kontraproduktiv.
Die Familie der hingerichteten Ruyati Binti Satubi bat die indonesische Regierung indes lediglich darum, dafür zu sorgen, dass der Leichnam nach Indonesien überstellt wird.
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