
Gesellschaft
Dörthe Engelcke
Saïd Sadi, Chef der wichtigsten Oppositionspartei Algeriens, hat einen Bestseller veröffentlicht. Mit der Geschichte eines Revolutionshelden will er die Bedeutung der Berberregion während des Unabhängigkeitskrieges ins rechte Licht rücken.
Saïd Sadi, Chef der wichtigsten Oppositionspartei Algeriens, hat einen Bestseller veröffentlicht. Mit der Geschichte eines Revolutionshelden will er die Bedeutung der Berberregion während des Unabhängigkeitskrieges ins rechte Licht rücken.
zenith: Ihr Buch ist betitelt nach seinem Helden »Amirouche«. Wer genau war Amirouche?
Saïd Sadi: Amirouche war ein Held der algerischen Revolution und Kommandeur der »Wilaya III«, der Militäreinheit der Berberregion. Anhand seiner Lebensgeschichte und seines Todes lässt sich verstehen, warum die algerische Revolution erfolgreich war, Algerien jedoch nach der Unabhängigkeit politisch gescheitert ist.
Und zwar?
Auf der einen Seite war Amirouche unglaublich zäh und ausdauernd, was notwendig war in einem fast acht Jahre andauernden Krieg. Und gleichzeitig hatte er ein säkulares demokratisches Staatsverständnis, das Berber und Araber gleichermaßen einschloss. Die Vereinigung aller Algerier war maßgeblich für das Gelingen der Revolution verantwortlich. Leider starb 1959 mit Amirouches Tod auch seine Vision eines modernen Staates. Zum Ende des Unabhängigkeitskrieges hatte sich die Revolutionspartei (FLN) von einer laizistischen republikanischen Partei in eine archaisch konservative, populistische Partei gewandelt. Die FLN des frühen Unabhängigkeitskrieges war genau das Gegenteil der heutigen FLN.

wurde 1947 im nordalgerischen Aghribs geboren. 1989 gründete der gelernte Medizinier die säkular-liberale Partei »Rassemblement pour la culture et la
démocratie« (RCD), deren Hochburgen in der Berberregion Kabylei liegen. 1995 erhielt Sadi 9 Prozent der Stimmen bei den Präsidentschaftswahlen, 2004 lediglich 1,9 Prozent. 1999 und 2009 boykottierte er den Wahlgang.
Woran liegt das?
Die FLN denkt: »Dieses Land gehört uns, weil wir es in die Unabhängigkeit geführt haben. Deshalb machen wir, was wir wollen.« Die Konfiszierung und Verfälschung der Geschichte des Unabhängigkeitskrieges ist Teil dieser Politik.
Können Sie ein Beispiel geben?
Ich war noch ein Kind und gerade in der Schule, als sie den Tod Amirouches verkündeten und konnte es einfach nicht glauben. Er war das Symbol des Widerstandes. Die französische Armee hatte ihn getötet und dann heimlich begraben. Hätte man ihm eine offizielle Grabstätte gegeben, hätten die Algerier diese in eine Pilgerstätte verwandelt. Houari Boumedienne, Algeriens zweiter Präsident, hat dann seine Knochen heimlich verschwinden lassen, um das Aufkommen eines berberischen Personenkults zu verhindern. Niemand weiß, wo sich Amirouches sterbliche Überreste heute befinden. Das ist sinnbildlich für den Umgang des algerischen Regimes mit seiner eigenen Geschichte.
Ihr Buch ist mit bisher 40.000 verkauften Exemplaren jetzt schon das meistverkaufte Buch Algeriens seit der Unabhängigkeit im Jahr 1962. Ist das Tabu Teil Ihres Erfolgs?
Es besteht heute ein stärkeres Interesse an der eigenen Geschichte und daran, was wirklich passiert ist. Die FLN präsentiert sich stets als arabisch-islamische Partei, die das Land befreit hat, und als alleinige Vertreterin der algerischen Revolution. Die Rolle der Berber während des Unabhängigkeitskrieges wird zu dessen Aufrechterhaltung häufig verleugnet. Es geht mir mit meinem Buch auch darum, die Geschichte zurück zu erobern. Diese Verleugnung setzt sich in der aktuellen Politik gegenüber der Kabylei fort. Die Regierung übt heute zudem enormen Druck auf die Berberregion aus.
Wie genau muss man sich das vorstellen?
Das Regime versucht momentan, die Region zu destabilisieren. Alle Bürokraten, die in die Region entsandt werden, sind extrem korrupt und inkompetent. Talentierte, fleißige und ehrliche Bewerber haben keine Chance, in der Kabylei zu arbeiten. Investoren werden gezielt aus der Region ferngehalten, um die Kabylei ökonomisch herunter zu wirtschaften. Die liberale Art der Kabylen hat sie beim algerischen Regime sehr unbeliebt gemacht. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind viele Kabylen auf der Suche nach einer neuen Lebensgrundlage ausgewandert, weil ihr Land sehr unfruchtbar war. Als sie zurückkamen, brachten sie Ideen aus Europa und anderen Teilen der Welt mit.
Während des vergangenen Ramadans wurde in den Medien fast täglich über Fastenbrecher in der Region berichtet. Außerdem wurden amerikanische Evangelikale aus Algerien ausgewiesen, weil sie zu massiven Konversionswellen in der Kabylei betragen würden. Was ist dran an diesen Vorwürfen?
Es existiert ein anklagender Diskurs gegenüber der Kabylei, der dazu führt, dass diese Region permanent ins Visier genommen wird. Die Kabylei bedrohe die nationale Einheit, respektiere den Islam nicht und hätte zu viele Verbindungen ins Ausland – so der offizielle Tenor. Das war während der Kampagne gegen die Fastenbrecher sehr deutlich zu bemerken. Auch in Tébessa und in anderen Regionen gab es viele Leute, die nicht gefastet haben, aber davon spricht niemand. Amerikanische Evangelikale sind in der Kabylei aktiv, das stimmt. Allerdings vor allem im Südwesten des Landes, und das wird totgeschwiegen. Die Region fungiert als Sündenbock des Regimes.
Ihre Partei, der »Zusammenschluss für Kultur und Demokratie« (RCD), hat ihren Ursprung in der Kabylei und gilt als Interessenvertreter der Berber. Worin bestehen diese genau?
Ich komme zwar aus der Kabylei, aber die RCD ist keine Berberpartei. Es ist schlichte Regierungspropaganda, uns als Klientelpartei abzustempeln. Unser politisches Programm besagt, dass Algerien nicht demokratisch und politisch stabil sein wird, bis der Staat nicht alle seine verschiedenen kulturellen, religiösen, historischen und ethnischen Elemente anerkennt. Es ist nicht möglich, zehn Millionen Berber aus der Nation auszuschließen. Es ist zudem nicht möglich, die Hälfte der algerischen Bevölkerung – die Frauen – zu diskriminieren. Es ist auch nicht möglich eine Demokratie zu schaffen, wenn die eigene Verfassung den Islam als offizielle Religion proklamiert. Wir fordern die Wiederaufnahme des säkularen demokratischen Projekts, welches während des Unabhängigkeitskrieges unter anderem mit Amirouche begonnen hat.
Ihre Partei hat bei den letzten Wahlen 19 Sitze im Parlament gewonnen.
Wir haben immer 19 Sitze. Egal bei welcher Wahl. Warum? Erst ab 20 Abgeordneten kann man Gesetzesinitiativen vorlegen.
Der säkulare Anspruch Ihrer Partei führt immer wieder zu Spannungen mit der Regierung. Wie hat sie auf die Publikation Ihres Buches reagiert?
Die Islamisten sind heute der Koalitionspartner der FLN, was säkulare Forderungen sehr unpopulär macht. Das Regime hat versucht, die Publikation des Buches zu verhindern. Der Staat drohte den großen Verlagen damit, die Aufträge für den Druck von Schulbüchern zurückzuziehen. Und genau davon leben diese Verlage. Deshalb musste ich mir Alternativen suchen. Ich habe die Produktion dann auf viele verschiedene kleine Verlage verteilt, weil diese nur jeweils eine geringe Auflage drucken konnten.
Dennoch war das mediale Interesse an Ihrem Buch enorm.
Ja, aber die offiziellen Kanäle blieben mir verwehrt. Ich bin Präsident einer politischen Partei, Abgeordneter Algiers und habe gerade einen Bestseller veröffentlicht. In Frankreich habe ich einige Fernsehinterviews bezüglich meines Buches gegeben. In Algerien hingegen habe ich aufgrund staatlicher Kontrolle seit sieben Jahren kein einziges Wort im Radio oder Fernsehen mehr gesagt. Die Medien unterliegen auch unter Präsident Abdulaziz Bouteflika einer starken Kontrolle. Der Staat ist in vieler Hinsicht sogar restriktiver geworden. Bouteflika hat die Justiz noch stärker unterworfen und die Korruption und Wahlbetrug haben ebenfalls zugenommen.
Trotz dieser restriktiven Innenpolitik hat unter Bouteflika eine stärkere diplomatische Öffnung stattgefunden.
Nein, nur scheinbar. Die Grenze mit Marokko bleibt geschlossen. Die Beziehungen mit der EU sind sehr schwach. Tunesien und Marokko sind uns um zehn Jahre voraus, was die Kooperation mit der EU betrifft.

Saïd Sadi
Une vie, deux morts, un testament.
L‘Harmattan, Paris 2010,
330 Seiten, 30 Euro.
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