Gesellschaft
Maria Exner und Ali Fathollah-Nejad
Deutsche Studenten baten Thilo Sarrazin und Henryk Broder zur »Integrationsdebatte« an die renommierte London School of Economics. Die Diskussion verkam zur polemischen Panikmache, ohne eine Zukunft für die Zeit nach dem »Scheitern des Multikulturalismus« in Deutschland und Großbritannien zu formulieren.
»Die Zukunft Europas – ›Untergang des Abendlandes‹?« lautete der kulturkämpferische und von Oswald Spengler geliehene Titel einer Veranstaltung am Montagabend, zu der die deutsche Studentenvereinigung der renommierten London School of Economics and Political Science (LSE) Thilo Sarrazin und Henryk M. Broder eingeladen hatte. An der Seite des Literaturkritikers Hellmuth Karasek und des Vorsitzenden des deutschen Islamrats Ali Kizilkaya sollten die umstrittenen Autoren auf dem Londoner Campus über die Frage diskutieren, wie ein von Einwanderung geprägtes Europa seine Zukunft gestalten soll.
Deutsche Studenten und Akademiker der LSE und anderer britischer Universitäten sprachen sich gegen den Doppelauftritt Sarrazins und Broders aus und forderten die Organisatoren auf, ein ausgeglichenes Podium zu laden. Binnen weniger Tage unterzeichneten über 100 deutschen Studenten und Akademikern in Großbritannien einen Offenen Brief mit dem Titel »Integration statt Kulturkampf!«. Schließlich fördere Broders »Hurra, wir kapitulieren!«, das vor dem Einknicken gegenüber einer angeblichen Islamisierung Europas warnt, genau wie Sarrazins »Deutschland schafft sich ab«, Misstrauen und Spaltung statt Verständigung, während ernsthafte Vorschläge zur Behebung sozialer Missstände ausbleiben.
Die Antwort auf diesen Brief fiel heftig aus. Nachdem Henryk M. Broder ihn auf seinem Blog »Die Achse des Guten« veröffentlichte und die offen islamfeindliche Webseite »Politically Incorrect« gar eine Gegenschrift publizierte, hagelte es deftige E-Mails an die Initiatoren. Die darin zu findenden Beschimpfungen reichten von »Nazi« bis hin zum Vorwurf »talibanartiger Verbohrtheit« und der Rede vom »Krebsgeschwür Islam«. Hingegen dokumentierte das zu Rassismen forschende Londoner »Institute of Race Relations« den Offenen Brief auf seiner Homepage.
Im Vorfeld wurde befürchtet, dass die Zusammensetzung der Runde einmal mehr eine fragwürdige Verbindung zwischen unzureichend integrierten Gruppen von Einwanderern und dem islamischen Glauben herstellt. Am Montagabend wurde dieses Szenario Realität, als Broder kurzerhand beschloss, dass es sich um keine Integrationsdebatte handele, sondern um eine Auseinandersetzung mit dem Islam und den Muslimen. Das wisse ja jeder und das sei auch richtig so.
Sarrazin malte unbeirrt das Gespenst einer unaufhaltsamen muslimischen Einwanderung aus den geburtenreichen Regionen südlich von Europa an die Wand und schoss sich unverfroren auf »die Türken« in Deutschland ein, erhaben über jegliche Kommentare des Publikums, dass bei Integrationsdefiziten der soziale Hintergrund die größte Rolle spiele. Davon wollte der ehemalige SPD-Finanzsenator in Berlin jedoch nichts wissen und erklärte unbeeindruckt und unbelegt, dass all dies einfach »kein Schichtenproblem« sei.
Was sich im Ballsaal des Hotels Hilton abspielte, wohin die Veranstaltung nach einer kurzfristigen Absage der LSE verlegt wurde, war eine Wiederaufführung des vom FAZ-Feuilletonchef treffend betitelten Stücks »Die Panikmacher«, eine volkstümliche Weise, die über das Schüren von Ängsten nicht hinauszukommen scheint.
Die »German Society« beharrte bei all dem – vor wie nach der Veranstaltung – auf der Angemessenheit der Sprecherliste für die Debatte, die laut zweier Mitglieder des Organisationskomitees der Studentenvereinigung »ausreichend verschiedene Perspektiven auf das Thema Integration« abbildete. Die Debatte eröffnete das in dieser Woche stattfindende »German Symposium 2011« an der LSE, die als weltweit führende sozialwissenschaftliche Hochschule gilt und die für ihre Weltoffenheit und eine internationale Studentenschaft bekannt ist. Das Verhalten der »German Society« passte insofern ins Bild, als der einwöchigen Veranstaltungsreihe von jeher der Ruf anhängt, vor allem möglichst prestigeträchtige Sprecher präsentieren zu wollen. In der Vergangenheit konnten sich die Mitglieder der Studentenvereinigung immerhin schon im Glanz eines Ex-Außenministers Joschka Fischer und einer Bundeskanzlerin Angela Merkel sonnen.
Was dabei aus dem Blickfeld gerät, ist dass das Thema Multikulturalismus und Integration auch in Großbritannien wieder an Brisanz gewinnt und eine ausgewogene Debatte Not tut. Am vorvergangenen Wochenende wiederholte Premierminister David Cameron die Worte Angela Merkels und erklärte die Idee einer »multikulturellen Gesellschaft« auch auf der Insel für gescheitert. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz sagte er, Großbritannien brauche »eine stärkere nationale Identität, um Extremismus zu bekämpfen.« Während unter anderem die Labour Party Cameron heftig für seine Rede kritisierte, erntete der Premier Lob von rechtsgerichteten Parteien und Gruppen aus ganz Europa. Am vergangenen Donnerstag schloss sich auch Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy der Rede vom Scheitern des Multikulturalismus an.
Im Hinblick auf diese Entwicklungen wäre eine verantwortungsvolle Integrationsdebatte an der LSE eine Chance gewesen, wichtige und relevante Fragen sozialer Marginalisierung und auch kritischer Tendenzen zu diskutieren, von der in Europa nicht nur Einwanderer aller Glaubensbekenntnisse betroffen sind, sondern auch viele »Einheimische«. Doch diese Chance ließ die »German Society« der LSE ungenutzt verstreichen, wohl einfach weil von einem Thilo Sarrazin mehr Publicity zu erwarten war. Angesichts der von kulturkämpferischer Polemik dominierten Diskussion und der zum Teil sehr kritischen Medienberichterstattung in Deutschland und Großbritannien, ist es fraglich, ob die naive Rechnung der »German Society« tatsächlich aufging. Da hat man Publicity mit Prestige verwechselt.
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