
Gesellschaft
Jonathan Stock
Seit über drei Monaten versucht das syrische Regime, den Aufstand der eigenen Bevölkerung einzudämmen. In der syrischen Hafenstadt Latakia erlebte Jonathan Stock eine bizarre Mischung aus Alltag und Straßenkrieg.
Draußen in der Nacht, Anfang Juni, bummelt ein junger Mann an der Küstenpromenade von Latakia entlang. Ein Biologiestudent, Anfang zwanzig, sagt er. Es ist bereits gegen Mitternacht, als er dem Lärm des Gefechtsfeuers lauscht, das kaum vier Straßen entfernt, nahe der Bushaltestelle, aus Ramel schallt – dem ärmsten Viertel der Stadt. Seit zwei Monaten geht das nun so. »Es sind schwierige Zeiten«, sagt er.
»Worum geht’s bei der Schießerei?«, frage ich. »Nun, da gibt es unterschiedliche Konzepte«, sagt er und schaut sich um. »Was für Konzepte?« »Die einen sagen, Terroristen gegen die Armee, die anderen sagen Rebellen gegen das Regime.« »Und was denkst du?« »Das weiß ich noch nicht so recht.« »Aber es wird nur in einem Stadtteil gekämpft?« »Nein, in ganz Syrien«, murmelt er. Er schaut mich an mit einem Gesichtsausdruck, der zwischen Angst und Triumph schwankt. Dann geht er zurück in sein Haus – um für sein Biologie-Examen zu lernen.
Es war nur eine von vielen Begegnungen mit Studenten, die ich vergangenen Monat auf meiner Reise durch Syrien gemacht habe. In Libyen, Ägypten und Tunesien waren es Studenten, die an vorderster Front standen und »Freiheit oder Tod« riefen. Doch in Syrien ist die Opposition gespalten oder eingekerkert, 14 Sicherheitsdienste und eine (bis jetzt) loyale Armee mit einer Stärke von einer halben Million überwachen das Land. Nach Angaben syrischer Menschenrechtsorganisationen sind seit dem 18. März mehr als 1300 Zivilisten und 300 Sicherheitskräfte ums Leben gekommen.
Vier Blocks von der Küstenpromenade entfernt, am Jemen-Platz, stapeln Soldaten Sandsäcke, kontrollieren passierende Autos und riegeln die Innenstadt ab. Die langen Strahlen ihrer Scheinwerfer bringen immer wieder die Gesichter von Kindern zum Vorschein, die sich hinter den Ecken verstecken, um das Geschehen zu beobachten. Ein Soldat hält ein Auto an, das junge Paar dort drin hebt die Hände – und wird aus dem Auto gezerrt und als »Terrorverdächtige« abgeführt.
Etwa hundert Meter hinter den Sandsäcken türmen sich weitere Straßensperren: umgestoßene Müllcontainer, Schubkarren und Steine. Diese Barrikaden wurden nicht von den Soldaten errichtet, sondern von den Anwohnern – sie verteidigen sich gegen regimetreue Milizen, »Shahibas – Geister« genannt. In den Zeiten von Hafez al-Assad wurden sie meist als Kriminelle, Schmuggler und Diebe angesehen. Unter seinem Sohn Baschar waren sie von den Straßen verschwunden. Nun sind sie wieder zurück in Latakia. Die Armee hat sie von der Leine gelassen, um Angst und Schrecken zu verbreiten, um einen Straßenkrieg anzuzetteln – als Vorwand, um mit Armeekräften einzurücken.
Ich spreche mit einem Demonstranten, Ahmad, via Skype – mit mir persönlich zu reden war ihm zu riskant, aus demselben Grund bat er mich auch, seinen Nachnamen nicht zu nennen. »Am Anfang war so ziemlich jeder auf der Straße«, sagt er mir, »Ärzte und Ingenieure, Männer und Frauen. Aber offen gesagt, sind es vor allem die Wütenden, die Arbeitslosen und Armen, die nichts mehr zu verlieren haben.«
Alle wollten demonstrieren, meint Ahmad, aber die Präsenz von Armee und »Shabiha« schüchtere die Menschen ein. In Ramel waren die Armeefahrzeuge alle 50 Meter aufgereiht, jedes mit acht Mann Besatzung. »Es hat als Protest angefangen – aber nun haben wir Krieg«, sagt Ahmad. »Die Leute können Al-Jazeera schauen, aber es ist einfacher Ad-Duniya zu glauben«, – der regimetreue Sender gehört einem von Assads Cousins, – »Die Wahrheit ist für Viele einfach zu schockierend.«
In Ramel, nahe des Jemen-Platzes und der Al-Moghraby-Moschee, nicken ein paar junge, unbewaffnete Männer in meine Richtung und signalisieren mir, dass ich ihnen folgen solle. Tagsüber waren sie durch die Straßen gezogen und hatten »Allahu Akbar – Gott ist groß« skandiert. Nicht verboten in Syrien, aber es stört das Regime dennoch – eine lautstarke Erinnerung, dass niemand größer als Gott ist, nicht mal Baschar al-Assad. Später tauchten sie in »Flash Mobs« auf, hielten kurz Plakate in die Höhe mit Slogans wie »Hau ab, Baschar«, gerade kurz genug, um ein Video aufzunehmen und bei Youtube hochzuladen. Sobald die Nacht einsetzte, versuchten sie dann, die »Shabiha« abzuwehren.
Während wir uns unterhalten, kommt ein Moped-Fahrer aus Richtung Westen angerollt, fährt in den Kreisverkehr am Jemen-Platz – gegen die Verkehrsrichtung. Ein Mann mittleren Alters in einem offenen, weißen Hemd verfolgt ihn, stoppt kurz, zieht eine Waffe und schießt. Er verfehlt sein Ziel und der Moped-Fahrer entkommt ins Dunkel der Nacht. Die wenigen Autos, die noch auf der Straße sind, beschleunigen, Schreie hallen durch den Kreisverkehr. Fünf Menschen seien allein in dieser Nacht von den »Shabiha« getötet worden, erzählt mir Ahmad später.
Zurück im Hotel malt der Hoteldirektor ein paar Linien auf ein kleines Stück Papier – die schematischen Umrisse Syriens. Die Proteste und Kämpfe in seinem Land bezeichnet er als »das Problem«. Terroristen aus dem Libanon seien es, meint er, und zeichnet einen Pfeil aus Richtung Süden auf seine Karte. Und für den Fall, dass das nicht die Proteste in anderen Landesteilen erklärt, fügt er noch einen Pfeil aus Richtung Türkei, aus dem Irak, ja sogar aus Richtung des Mittelmeers hinzu. Die Pfeile überlagern sich und bilden einen großen Stern inmitten der Karte von Syrien. »Vielleicht kommen die Unruhen ja genau hier aus der Mitte?«, werfe ich ein. Er lächelt stumm.
Freitag Nachmittag geht die Schießerei weiter. Der Lärm ist nun lauter, Rauch steigt in die Luft – ein Hinweis darauf, dass schwerere Waffen zum Einsatz kommen. Neun graue Kriegsschiffe ankern im Hafen, später sehe ich drei Helikopter in Richtung Norden abfliegen. »Das ist Syrien, Assads Syrien«, sagt mir ein Polizist am Busbahnhof von Latakia, als wenn er sich selbst davon überzeugen wolle, dass das noch immer der Fall ist. Einen Moment später sitze ich in einem Bus, der die Al-Hussaini-Straße passiert. Auf meiner Rechten sehe ich etwa 40 Soldaten, die sich hinter aufgetürmten Sandsäcken ducken. Sie führen einen Straßenkrieg – in ihrer eigenen Stadt.
Die Passagiere im Bus schauen nach vorne und schließen die Vorhänge. Ein Bediensteter kommt durch die Reihen und verteilt Karamelbonbons. Die Musikanlage wird angeworfen, um den Lärm der Explosionen draußen zu übertönen. Die meisten meiner Mitreisenden lutschen ihre Bonbons, während sie auf den Fernsehschirm schauen. Es läuft eine Schmonzette in Pastelltönen über einen Bodyguard und seine Frau, die sich um das Weltklima sorgen. Sie wird zur Umweltministerium befördert, von Terroristen ins Visier genommen und schließlich von ihm gerettet.
In Damaskus sind die Straßencafés voller Jugendlicher, die Eiskaffee schlürfen. Einer liest das Buch »Der Teufel trägt Prada«. Vor der Universität bietet ein kurdischer Händler die Biografie von Che Guevara feil. Schicke Studenten, die Haare gefärbt, laufen vorbei. Die Revolution scheint hier weit entfernt zu sein. »Lasst uns nicht auf die Zukunft warten, lasst sie uns formen«, steht auf einer Wand nahe des Kanals in großen weißen Lettern. Darunter der Urheber des Slogans: Baschar al-Assad.
Jonathan Stock reiste im Juni einen Monat durch Syrien. Dieser Bericht aus Latakia erschien zuerst im amerikanischen Magazin The New Yorker.
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