Der Ägypter Mohammed al-Fatatry gründete in Finnland die Online-Plattform Muxlim|Foto:Privat

Gesellschaft

Internet-Plattform Muxlim

04.08.2011

Mohammed Zuckerberg und Nokia-Verfolger

Katrin Sandmann und Alexander Dluzak


Als in Skandinavien die Rechtspopulisten aufmarschierten, gründete Mohammed al-Fatatry das soziale Netzwerk Muxlim. Ein Team des arte-Magazins yourope traf einen Unternehmer, den sein Frust bis auf die Forbes-Liste brachte.


Für jeden durchgeknallten Terroristen oder Selbstmordattentäter, der irgendwo auf der Welt sein Unwesen trieb, sollte Mohammed al-Fatatry sich rechtfertigen. 2006 kam der gebürtige Ägypter zum Studieren aus Dubai nach Helsinki. Und schon damals, also lange bevor die Rechtspopulisten »Wahre Finnen«  drittstärkste Partei des Landes wurden, bekam er einiges zu hören. Es reicht, dachte er sich irgendwann und tat das, was man im 21. Jahrhundert gemeinhin tut, wenn man nicht weiter weiß: Er ging online. Eigentlich wollte er nur sehen, wie es anderen Muslimen erging, die in Ländern leben, in denen sie deutlich in der Minderheit sind und wenig über ihre Religion bekannt ist.


Fatatry war einigermaßen schockiert, als er feststellte, dass alle Seiten, auf denen er landete, entweder sehr religiös oder stark politisch ausgerichtet waren: »Da dachte ich: Meine Güte, ich bin 19 Jahre alt, das sind nicht die Dinge, über die ich reden will. Ich interessiere mich für Fußball, Musik und Mode, all die Sachen, die talentierte junge Muslime in der Welt so machen.  Zwei Drittel der muslimischen Gemeinschaft weltweit sind unter 35 – und es gibt keine einzige Website, auf der sie sich über Sachen wie Popkultur austauschen können.«


Das war die Geburtsstunde von Muxlim. Und offenbar hatte Fatatry einen Nerv getroffen. Muxlim ist heute die größte Web-Community, die speziell Muslime anspricht. Aber auch Mitglieder anderer Religionen und Weltanschauungen sind willkommen. Bei Muxlim kann man all das machen, was man auch  bei Google+, Facebook, MySpace und Co ebenso tut: Videos und Bilder hochladen, bloggen, chatten und Nachrichten einbinden. Und das machen nach Aussage des Betreibers derzeit 10 Millionen Mitglieder aus 129 Ländern.


»Wenn wir unser Ziel erreichen, machen wir uns überflüssig!«

Stellt sich die Frage, warum Muslime eine eigene Plattform brauchen und nicht einfach auf die vorhandenen zurückgreifen. »Eigentlich sollte es doch das Recht eines jeden Menschen sein, als positives Mitglied der Gesellschaft anerkannt zu werden, es sei denn, er beweist das Gegenteil«, sagt Fatatry. »Aber für uns Muslime in westlichen Gesellschaften gilt das nicht, wir müssen uns ständig rechtfertigen. Daher gibt es ein größeres Bedürfnis als in anderen Gemeinschaften, eine eigene Plattform zu haben.«


Amtssprache dieses digitalen Hangouts ist Englisch. Jeder, der Interesse hat, soll seinen Einblick bekommen, und Fatatry will so auch Schwellenangst von Nicht-Muslimen vor dem muslimischen Netzwerk abbauen. Wobei das zurückhaltend formuliert ist. In seinen Worten klingt das so: »Stellen wir uns die Gemeinschaft der Muslime doch mal als eine Insel vor und den Rest der Welt als das Festland. Klar, gibt es da ein paar Schiffe, die von der Insel auf das Festland fahren, aber was Muxlim gerade versucht, ist die Insel und das Festland mit einer massiven Brücke zu verbinden.«


Fatatry glaubt, dass Muxlim ein zeitgemäßes, cooles Image des Islams vermittelt. Nicht weil das hier fabriziert wird, sondern weil es seiner Meinung nach widerspiegelt, was einen Großteil der jungen Muslime auf der Welt leben. Und dann, so die Hoffnung des Gründers, erkennen die Menschen irgendwann vielleicht, dass der muslimische Nachbar im Haus nebenan ihnen viel näher ist, als der zottelige Taliban aus den Nachrichten, der bisher ihr Bild des Islam geprägt hatte. »Wenn Muxlim sein ultimatives Ziel erreicht, dann machen wir uns irgendwann selbst überflüssig«, sagt er.


Ein kollektiver Kummerkasten für 10 Millionen User

Noch ist sie es nicht, und deshalb sind die Ziele für die Zukunft auch eher geschäftlich als ethisch-moralisch ausgerichtet. Das Wirtschaftsmagazin Forbes hat Fatatry als »das muslimische Equivalent des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg« bezeichnet. Er ist schon ein bisschen erfolgsverwöhnt. Er ist der erste Einwanderer in 45 Jahren, der den Preis des Finnischen Präsidenten für Internationalisierung verliehen bekommen hat – im Jahr zuvor ging dieser an den Industriegiganten Nokia. US-Präsident Barack Obama hat ihn bei einem Wirtschaftsgipfel als einen von 200 globalen Unternehmern anerkannt, und schließlich kam im Januar noch »der BizMan 2011« dazu.


»Die Werbewirtschaft hat mittlerweile jede einzelne Zielgruppe genauestens auf ihr Konsumverhalten untersucht. Nur die Muslime sind bislang weitgehend unentdeckt«, sagt der Unternehmer. »Sie bilden so etwas wie ein schwarzes Loch, wenn es darum geht, sie als Konsumenten gezielt anzugehen.« Selbst, wenn er »kein Mohammed« wäre, sagte er Forbes, würde er sich um diese Zielgruppe bemühen, denn sie verspricht satte Gewinne. Deshalb sind 10 Millionen User ihm lange nicht genug. »Es sind etwa 250 Millionen Muslime online, da haben wir noch einen weiten Weg vor uns.«


Yourope am 7. August 2011 um 18.05 Uhr auf arte: Europa und der Islam – das passt doch!




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