
Gesellschaft
Paul Lindner und Brigitte Awad
Das Ausmaß der Hungersnot am Horn vorn Afrika scheint zu enorm zu sein, um den hunderttausenden Flüchtlingen im Süden Somalias wirklich helfen zu können. Immer mehr Somalis zieht es deshalb in den vergleichsweise sicheren Norden.
In Somalia spricht man von der größten Hungersnot seit zwei Jahrzehnten. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen sterben im Süden des Landes derzeit jede Stunde 14 Kinder an Unterernährung; stellen wir uns einmal vor, in der Bundesrepublik würde stündlich eine Kindergartengruppe umkommen, vielleicht hilft das, diese Todeszahl anschaulicher zu machen.
Man streitet sich heute über die Gründe, die zu dieser Hungersnot führen konnten. Zwei Thesen treten dabei immer wieder in den Vordergrund: Die einen meinen, dass das Verteilungsproblem der Auslöser dafür sei. Demnach würde diese humanitäre Katastrophe nicht dadurch entstanden sein, dass es zu wenig Nahrungsmittel für zu viele Menschen gibt, sondern dass politisch motivierte Gründe der Verteilung im Wege stehen. Dafür spricht das Argument, dass es in funktionierenden Demokratien in der Geschichte niemals zu Hungersnöten kam.
Tatsache ist, dass die andauernden Kämpfe zwischen radikalen islamistischen Milizen und diversen Clans die Logistik der Hilfsorganisationen im Süden des Landes erschweren und sogar um die Hilfsgüter gekämpft wird. In Somalia, wo die Warlords das Sagen haben, kümmert sich kaum einer der Mächtigen um das Volk, lediglich darum, so viel wie möglich sein Eigentum nennen zu können und seine Macht und den Einflussbereich auszubauen. Selbst schuld sagen viele, die Tausende von Kilometern weg sind und einen vollen Fressnapf haben. Wer einen toten GI durch die Straßen von Mogadischu schleift – die Bilder der gescheiterten US-Intervention 1993 gingen um die Welt–, der hat es nicht anders verdient; nach dem Motto: Leben und sterben lassen.
Andere sind wiederum der Meinung, dass der Klimawandel gerade in dieser Region besonders zu spüren ist; der globale Temperaturanstieg und das Ausbleiben regelmäßiger Regenzeiten begünstigen Dürreperioden in noch nie dagewesenem Maße. Sehr viel Geld müsse investiert werden, um in Somalia eine wassersparende Hightechlandwirtschaft aufzubauen, was möglicherweise eine Lösung wäre. Doch das sei unmöglich angesichts der heutigen politischen Verhältnisse, die alle Investoren aus dem Ausland verschreckten.
Tatsache bleibt, dass die Hilfe aus dem Westen nur schleppend vorankommt; zu viel Bürokratie, logistische Probleme und die Präsenz der radikalen islamistischen Milizen behindern die Lebensmittellieferungen. Dass eine direkte, unbürokratische Hilfe dennoch möglich ist, zeigt das Beispiel des deutsch-somalischen »Medical Care Somalia«.
Im Süden Somalias wütet der Krieg zwischen Familienclans, der machtlosen Regierung in Mogadischu und den vielen islamistischen Milizen. Dazu kommt die andauernde Dürreperiode, die diese Region zu einem der menschenfeindlichsten Flecken der Erde macht. Die Leute fliehen in den Süden über die Grenzen nach Kenia und Äthiopien, oder nach Norden, nach Puntland oder das nicht anerkannte, vom Rest des Landes abgespaltene Somaliland.
Um die Stadt Gaalkacyo, die südlichste Stadt der Region Puntland, sind in den letzten Wochen 13 Flüchtlingslager mit ca. 70.000 Menschen entstanden. Täglich kommen ca. 200 neue Flüchtlinge aus den Regionen Muudug und Beledweyne an, die in den verschiedenen Lagern aufgeteilt werden. Die Menschen in diesen Lagern haben in den letzten Monaten keine Nahrungsmittel über das Welternährungsprogramm erhalten. So war die Nahrungsmittelhilfe des deutsch-somalischen Vereins »Medical Care Somalia« die erste, die sie seit drei Monaten bekamen.
Ahmed Awad, Vorsitzender des Vereins, verteilte am Wochenende des 5. und 6. August 2011 die erste Nahrungsmittelhilfe an Flüchtlinge in fünf dieser Lager. Dafür kaufte er in Puntland und Somaliland Reis und Öl ein. So konnte die Hilfe schneller zu den Flüchtlingen gelangen. Da sich die Dürre im nördlichen Somalia nicht so dramatisch ausgewirkt hat, sind hier noch genug Lebensmittel vorhanden, die direkt vor Ort eingekauft und in die Flüchtlingslager gebracht werden.
Auch 470 Nomadenfamilien in Ainabo, 120 km südlich von Burao, konnten aufatmen, als die 12 Tonnen Nahrungsmittel, meist Reis und Öl, verteilt wurden. Durch die anhaltende Dürre in dieser Region hatten sie ihr Vieh und damit ihre Lebensgrundlage verloren. Normalerweise verkauft man in Zeiten der Not Ziegen, um Nahrungsmittel einzukaufen. Diese Überlebenschance war ihnen somit faktisch genommen. Ein nächster Lebensmitteltransport für Gaalkacyo ist bereits organisiert. Ebenso ist ein Transport nach El Afweyn, 300 km nordöstlich von Burao, am 16. August gestartet, um 1000 betroffene Nomadenfamilien zu versorgen.
Diese schnelle Hilfe war nur durch die Aktion »Sternstunden« des Bayerischen Rundfunks und die Präsenz von »Medical Care Somalia« vor Ort möglich, der gut über die Lage der betroffenen Menschen informiert ist und ein Netzwerk der Hilfe vor Ort aufgebaut hat.
Immer mehr Menschen kommen aus dem Süden nach Gaalkacyo; der lange Marsch in der Hitze, voller Entbehrungen, dehydriert, erschöpft zusätzlich die hungernden Leiber. Wer Glück hat, ergattert einen Platz auf einem der vorbeifahrenden Lastwagen. Mittlerweile hat »Medical Care Somalia« 20.000 Menschen mit Lebensmitteln versorgen können. In Nordsomalia gibt es keine Sicherheitsprobleme, so dass die Hilfe ungehindert die Flüchtlinge erreicht.
Der Verein arbeitet aber auch über die Soforthilfe hinaus an nachhaltigen Lösungen wiederkehrender Hunger- und Dürrekatastrophen. Das Konzept beinhaltet die Entwicklung des ländlichen Raums im Landwirtschaftssektor sowie den Bau von Dämmen und Tiefbrunnen und die Reintegration der Flüchtlinge in ihre angestammten Regionen. Doch bevor die Hungersnot vorbei ist, werden in Gaalkacyo und anderen Lagern noch viele Hundert Flüchtlinge erwartet.
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