
Gesellschaft
Klaus Vogt
Führende Frauenrechts-Aktivistinnen in Saudi-Arabien haben es befürchtet: Nun, wo die Weltöffentlichkeit sich wieder anderen Themen zuwendet, werden Frauen am Steuer nicht mehr nur verwarnt, sondern von der Tugend-Polizei verhaftet.
Schon in den Tagen nach dem 17. Juni machte sich Enttäuschung breit. Am nationalen Protesttag, den mehrere Aktivistinnen für Frauenrechte in Saudi-Arabien unter dem Schlagwort »Women2Drive« initiiert hatten, trauten sich nur wenige Frauen hinter das Steuer ihrer Fahrzeuge. Manche fuhren schon im Morgengrauen, manche nur für 20 Minuten und viele doch in Begleitung eines männlichen Verwandten. Von »mehreren Dutzend« Frauen am Steuer sprachen verschiedene Quellen, darunter auch Twitter-User. Es wurden Auto fahrende Frauen in Riad, Jiddah, und Khobar gesichtet. Karim El-Gawhary, taz-Korrespondent in Kairo, hat in den sozialen Netzwerken 40 Frauen gezählt, die sich trauten, ihre Fahrt auch öffentlich zu posten.
Die Regierung hatte an diesem Tag eine einschüchternde Drohkulisse aufgebaut. Sie erwartete wohl eine ernstzunehmende Protestwelle. Am Tag des Protestes säumten auffällig viele bärtige, düster dreinblickende Religionspolizisten der »Behörde zur Förderung der Tugend und zur Verhinderung des Lasters« die Hauptverkehrsadern von Riad und Jiddah. Und auch die reguläre Polizei war deutlich präsent im öffentlichen Raum, auch wenn sie nach Beobachtungen von Journalisten wohl keine Anweisung hatte, besonders hart durchzugreifen.
Das hatten sie schon in den Wochen vorher getan: Mitte Mai wurde die 32-jährige Computer-Expertin Mana Al-Sharif aus Damman, die ihren Führerschein als Studentin in den USA gemacht hatte, für 15 Tage inhaftiert, weil sie sich nicht nur ans Steuer gesetzt, sondern ihre Fahrt durch Khobar ohne männliche Begleitung auch als Video im Internet gepostet hatte. Außerdem wurde sie beschuldigt, das Ansehen des Landes beschmutzt zu haben. Zuerst wurde sie nur von der Polizei ermahnt, doch als sie sich aus Protest gleich wieder ans Steuer setzte, landete sie im Knast – und wurde erst auf Kaution wieder freigelassen, nachdem sie eine Erklärung unterschrieben hatte, nie wieder Auto zu fahren.
Über 3300 Menschen wandten sich in einer Petition an den König und verlangten Sharifs Freilassung. Danach versuchte sie selbst, den sozialen Sprengstoff, der offensichtlich in dieser vergleichsweise harmlosen Aktion verborgen ist, zu entschärfen. Sie nahm am 17. Juni nicht an der Protestaktion teil.
In den Wochen vor dem Protesttag wurden außerdem sechs weitere Frauen verhaftet, die sich nördlich von Riad gegenseitig Fahrstunden gaben. Auch sie wurden erst entlassen, nachdem sie eine Erklärung unterzeichnet hatten, nie wieder Auto zu fahren und einen männlichen Verwandten herbeizitieren konnten, der sie aus dem Gefängnis abholt.
Nun, wo die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf anderen Themen und Regionen liegt, werden die Daumenschrauben wieder angezogen. In der Region Dorat Al Aroos bei Jiddah wurden vier Frauen von der Religionspolizei festgesetzt und zum Verhör abgeführt. Bis heute ist ihr Verbleib unbekannt. In derselben Nacht wurde eine weitere Frau von vier Polizeifahrzeugen umzingelt und verhaftet. Ihr Auto wurde konfisziert.
Mittlerweile wird deutlich, dass die Reaktion der Männer wohl doch der entscheidende Grund ist, warum so wenige Frauen am 17. Juni sich hinter das Steuer wagten. Schon Wochen zuvor hatten sich 7.000 Männer im Internet organisiert und angedroht, alle Frauen, die sich im Rahmen dieser Protestaktion über das Frauenfahrverbot hinwegsetzten, mit der »Iqal« zu schlagen, der harten schwarzen Kordel, die dabei hilft, die traditionelle Kopfbedeckung zu fixieren. Dabei war sogar diskutiert worden, den schweren Riemen in großen Mengen an Jugendliche zu verteilen, damit diese die Frauen am Steuer verprügeln könnten. Religionsvertreter schimpften, die Frauen würden damit das Tor zur Sünde aufstoßen. Selbst Frauen unterstützten die Haltung der ultrakonservativen Männer und riefen eine Gegenkampagne ins Leben: »I will drive my house and not the housemaids«.
Doch vor allem die Ehemänner der mutigen Frauen, die mit der Teilnahme am Protesttag flirteten, seien für die geringe Teilnehmerinnenzahl verantwortlich. Sie fürchteten um die Sicherheit ihrer Frauen, die wohlmöglich verhaftet worden wären, wie Mitte Mai die 32-jährige Computer-Expertin Mana Al-Sharif aus Damman.
Andere Männer misstrauten den wahren Absichten ihrer Frauen. Sie vermuteten, der Kampf um gleiche Rechte sei nur ein Vorwand, besser fremdgehen zu können. Manche fürchteten den Zuwachs an Unabhängigkeit und die Gefahr, dass die Frauen von den »Shabab« genannten jungen Männern auf den Straßen belästigt werden könnten. Andere meinten, der Zustand der Straßen sei so schlecht, dass Frauen das Fahrzeug nicht beherrschen könnten.
Manche der Frauen lassen sich trotzdem nicht von der Durchsetzung ihres Rechts aufs Autofahren abbringen. Iman al-Nafjan fährt seit dem 17. Juni jeden Tag. Sie fand zwar einen Zettel mit einer bösen Drohung an ihrem Fahrzeug, doch auch davon will sie sich nicht abschrecken lassen. Auch Sara al-Khalidi setzt sich jeden Tag seit dem Protesttag ans Steuer ihres Wagens – auch wenn ein Polizist sie darüber informierte, dass es sechs Beschwerden aus der Nachbarschaft gegeben habe und sie schleunigst wieder nach Hause fahren solle.
Auf der Plattform Change.org wurde sogar eine Petition aufgesetzt, die den japanischen Automobilhersteller Subaru auffordert, den Verkauf seiner Fahrzeuge in Saudi-Arabien zu stoppen, solange Frauen im Land nicht Autofahren dürfen. Die Wahl fiel auf Subaru, weil die Firma angeblich vor allem die weibliche Zielgruppe bewirbt – die die Autos dann aber gar nicht nutzen dürfen, zumindest nicht als Fahrerin.
Die Situation ist an Absurdität kaum zu übertreffen: Einerseits lobt König Abdullah das hohe Bildungsniveau der Frauen – sie stellen 60 Prozent der Universitätsstudenten – und ihre Erfolge als Unternehmerinnen, andererseits gibt es keine Signale, das Fahrverbot, das in keinem Gesetz verankert ist, sondern nur auf einem religiösen Gutachten, einer Fatwa, basiert, aufzuheben. Dabei zeigen Zahlen des staatlichen Ölkonzerns Aramco von 2006, wie viele Frauen im Königreich schon ein Auto besitzen: über 75.000 Frauen waren in Besitz von rund 120.000 Fahrzeugen, eine Steigerung von 60 Prozent innerhalb von drei Jahren. Nur fahren können sie nicht – ihnen wird einfach kein Führerschein ausgestellt.
Daher sind die Frauen komplett abhängig von Taxis, ihren männlichen Blutsverwandten und den Chauffeuren, die die Familien anstellen müssen. Rund 800.000 ausländische Fahrer – hauptsächlich aus Indien und Pakistan – leben im Land. Jeder von ihnen verdient 350 bis 500 US-Dollar pro Monat, eine Ausgabe, die nicht jedes Haushaltsbudget so ohne weiteres verkraften kann – ganz abgesehen von den Kosten für die Einreise und das Visum des Fahrers. »Mein komplettes Gehalt ging für den Fahrer drauf, der mich täglich zur Arbeit fahren musste«, so die Bloggerin Eman Al Nafjan. Außerdem mache man sich so abhängig von völlig Fremden. Sie habe selbst schon viele »unangenehme Momente« mit solchen Fahrern erlebt, die eigentlich für die eigene Sicherheit da sein sollten. Gerade kürzlich sei auch wieder eine saudische Frau von ihrem Fahrer vergewaltigt worden.
Auch wenn die Aktion »Women 2Drive« in reinen Zahlen enttäuschend gewesen sein mag, das internationale Echo war nicht zu überhören. Mehr als 160.000 User aus 150 Ländern – alleine 12.000 auf Facebook – unterstützten die Aktion auf den verschiedenen Plattformen im Internet, vor diversen saudischen Botschaften weltweit wurde demonstriert, die Userin Trisha Calvarese rief die Aktion »Honk for Saudi Women« ins Leben. Die US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi und die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton sandten Solidaritätsadressen, und auch US-Außenministerin Hillary Clinton machte deutlich, dass sie mit dem Anliegen der Frauen sympathisiert. Sie habe hinter den Kulissen angeblich auch eindringliche Worte gegenüber der Regierung in Riad gefunden. Manchmal sei stille Diplomatie wirkungsvoller als lauter Protest.
Die große Welle blieb aus – bis jetzt. Die Aktivistinnen wollen weitermachen, bis das Fahrverbot fällt. Einige haben zu Ehren von Mana Al Sharif schon eine neue Aktion ins Leben gerufen: die »Mana Driving School« – eine Untergrund-Online-Fahrschule nur für Frauen.
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