Foto: Marian Brehmer

Gesellschaft

Iran nach dem »grünen Sommer

15.02.2011

Grün vergeht nicht

Marian Brehmer


Despoten fallen – die Ereignisse in Tunesien und Ägypten könnten die Veränderungen in die arabische Welt bringen, die sich die Anhänger der grünen Bewegung im Iran gewünscht haben. Am gestrigen 14. Februar gingen sie zum ersten Mal seit den Aschura-Protesten im Dezember 2009 wieder auf die Straße. Ein Blick in den Iran im zweiten Jahr nach dem »grünen Sommer« 2009.


Amin zeigt aus dem Fenster in der dritten Etage seines Wohnblocks. Aus dem 24-jährigen Chemiestudenten, gläubigem Muslim, Liebhaber der klassischen iranischen Musik, wird ein Zeitzeuge, wenn er von den Ereignissen im Sommer 2009 erzählt: »Die ganze Straße hier vorne war von den Basij eingenommen, jeden Fluchtweg haben sie abgeschnitten.« Sein Wohnblock, der leicht zu finden ist, weil er als einziger mit sechs Stockwerken die Siedlung überschaut, liegt in einer der stillen Seitengassen der Azadi-Straße. Jene geschäftige Verkehrsader führt vom Azadi-Platz im Westen Teherans zum großen Enqelab-Platz. »Azad« bedeutet auf Persisch Freiheit und »Enqelab« ist die Revolution. Amin hat für dieses Stück postrevolutionäre Stadtplanung, nun da er sich in den eigenen vier Wänden befindet, eine unmissverständliche Interpretation: »Die Freiheit hört dort auf, wo die Revolution anfängt!«


Wer über ein Jahr nach den turbulenten Präsidentschaftswahlen in den Iran fährt und etwas über die schicksalsreiche Zeit im Sommer 2009 erfahren möchte, braucht nach Augenzeugen, die etwas zu berichten haben, nicht lange zu suchen. Amin ist 21 und gehört damit zu den 70 Prozent, die im Iran unter 30 Jahren alt sind. Keiner dieser jungen Iraner, egal welcher politischen Gesinnung, ist von den größten Straßenprotesten in der Geschichte der Islamischen Republik ganz unberührt geblieben.


Eine von Hoffnung getriebene Bewegung, die sich zur Unterstützung des Reformkandidaten Mir-Hossein Mussawi bildete, schwellte nach der von vielen als Fälschung angesehenen Wiederwahl Mahmud Ahmadinedschads fast zwei Jahre vor Tunesien und Ägypten zu einer der größten Demokratiebewegungen an, die der Mittlere Osten bisher gesehen hat. Millionen Menschen nahmen in den Wochen nach der Wahl in allen größeren Städten des Irans an Demonstrationen teil. Grün war die Erkennungsfarbe; die Frage nach dem Verbleib der Wählerstimme das aufgebrachte Momentum dieser Tage.


»Viele haben es sogar eine ›grüne Revolution‹ genannt. Doch wir benutzen lieber das Wort ›Bewegung‹!«

Die »grüne Bewegung«, wie man sie bald taufte, ist fortan Diskussionsgegenstand in den internationalen Medien gewesen, zuletzt hatte man immer öfter ihre Überlebenstauglichkeit infrage gestellt. »Viele haben es sogar eine ›grüne Revolution‹ genannt. Doch wir benutzen lieber das Wort ›Bewegung‹!«, sagt Amin. Er will sich distanzieren von jener Revolution, die siebzig Prozent im Iran von heute nur noch aus der Historie kennen. Sie waren 1979 noch nicht geboren, waren nie Teil der antiimperialistischen Massenbewegung, die sich damals gegen das autoritäre Regiment des Schahs wendete. An die charismatische Führerschaft von Ayatollah Khomeini und die Geburtsstunde des politischen Islams dürften sie höchstens nebelhafte Kindheitserinnerungen haben.


Und trotzdem hat Amin in einer dieser »grünen Nächte« eine Analogie mit 1979 heraufbeschworen. Er stieg auf das Dach seines Wohnblocks und rief »Allahu Akbar« in den Nachthimmel. Am Vorabend der Islamischen Revolution war dieser Ruf für Tausende zum Freudenschrei über den nahenden Fall des Schahs geworden. Ein »Allahu Akbar« aus voller Kehle stand damals für die Solidarität zwischen den Demonstranten, es war der verbindende Siegesruf dieser Tage. Amins Vater warnte seinen Sohn, diese Tradition nicht gerade jetzt zu wiederholen, es sei zu gefährlich. Denn in den Nächten des Sommers 2009 hat die Islamische Republik Menschen festgenommen, weil sie »Allahu Akbar« gerufen haben.


Die grüne Bewegung überraschte in ihrer spontanen Intensität nicht nur die Regierung. Auch die Oppositionsführer, die sich plötzlich an der Spitze eines millionenstarken Protests wiederfanden, waren nicht auf diese Dynamik gefasst. Anders als die stark auf die Persönlichkeit von Khomeini ausgerichtete Islamische Revolution ist die grüne Bewegung weitestgehend selbstorganisiert. Einer der führenden iranischen Intellektuellen, Ramin Jahanbegloo, Professor für Politikwissenschaften an der Universität Toronto, attestiert ihr einen »post-charismatischen« und »post-ideologischen« Charakter. Er gehört zu der drei Millionen zählenden iranischen Diaspora, die mit ihren Ideen einen großen Einfluss auf die politische Meinungsbildung im Iran ausgeübt hat. Jahanbegloo verbrachte im Jahr 2006 vier Monate im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis, als ihn die Regierung der Spionage bezichtigte.


Gewaltlosigkeit als Schlüssel zum Erfolg?

Während das Fehlen einer starken Führungspersönlichkeit und einer richtungsgebenden Idee oft als Schwächen der grünen Bewegung angesehen werden, sieht Jahanbegloo genau darin ihre Stärken: Die Bewegung ist aus den Menschen gewachsen ist und nicht anders herum. 


Bemerkenswert ist in der Tat das hohe Maß an demokratischer Partizipation, das sich in der grünen Bewegung manifestiert hat. Amin hat immer noch einen Ordner auf seinem Notebook, der Fotos von Versammlungen und Werbevideos von Mussawi enthält. Wahlaufrufe wurden damals von Studenten über das Internet verbreitet, es entstand ein lebendiger Bürgerwahlkampf. Nach den Wahlen organisierten sich die jungen Iraner online, diskutierten die politischen Ereignisse, machten ihrem Unmut Luft, kündigten Demos an.


Als das Regime über die kontrollierten Staatsmedien ihre eigene Version der Wahlproteste verbreitete und ausländische Journalisten des Landes verwies, war es die junge Generation, die mit ihren Blogs und Videos ein anderes Bild ans Licht brachte. Der Iran hat nach China und den USA die größte Zahl an Bloggern. In der internationalen Blogosphäre ist Persisch inzwischen nach Englisch die zweitpopulärste Sprache. Einen modernen Bürgerjournalismus von diesem Ausmaß und dieser Veränderungskraft hat es noch nie gegeben.


Zudem hat es die grüne Bewegung bisher im Gegensatz zur Regierung, die während der Proteste mehr als siebzig Menschen tötete und über 4000 Demonstranten festnahm, geschafft, nicht in eine Gewaltspirale einzutreten. Jahanbegloo spricht gar von einer »Gandhischen Seite« und sieht in der Gewaltlosigkeit den Schlüssel zum Erfolg: »Die schwierigste Herausforderung für die iranische Zivilgesellschaft ist es heute, der Gewalt des vorherrschenden politischen Systems ins Auge zu blicken, ohne selbst in Gewalt zu verfallen.«


Städtische Parks sind Treff- und Fluchtpunkte für die Jugend

Zu Eid-ul-Fitr, dem großen Fest am Ende des Ramadans, kennt man im Iran nicht die opulenten Feierlichkeiten, wie sie in der Türkei und der arabischen Welt zum Fastenbrechen üblich sind. Dennoch ist an diesem Abend der Teheraner »Wasser-und-Feuer-Park« übersät von Familien, die sich mit ihren Decken und Kissen kleine Picknickinseln geschaffen haben. Jeder Meter Grünfläche und weite Teile der gepflasterten Wege sind besetzt. Große Mengen an hausgekochtem Essen werden aus Körben zum Vorschein gebracht und in der Mitte ausgebreitet, ein Schmatzen und Schwatzen erfüllt die Luft. 


Der »Wasser-und Feuer-Park« ist ein beliebter neuer Treffpunkt in der iranischen Hauptstadt. Er wurde kurz nach den Protesten im vorletzten Jahr eröffnet und ist eines der Großprojekte des Teheraner Bürgermeisters, der die Metropole grüner und moderner machen möchte. Im Hintergrund des Familienpicknicks stehen große Metallinstallationen, die die Geschichte des Propheten Ibrahims nacherzählen. Aus großen Stahltürmen spuckt es alle halbe Stunde Feuer und eine Reihe von Wasserfontänen sind zum Planschbecken für dutzende glückselige Kinder geworden.


In dem Park gibt es auch eine Tribüne, ein paar Jungs geben auf Inlineskatern eine Show. Hunderte drängen sich auf den Rängen, es wird angefeuert und gesungen. Junge Frauen und Männer stehen dicht an dicht, lösen sich aus der Menge und flanieren in Cliquen durch den Park. Auch Pärchen sind in dem bunten Treiben auszumachen.


Nirgendwo herrscht im Iran wohl soviel relative soziale Freiheit wie in den Parks von Teheran. Sie sind die Treffpunkte in einem Land, in dem es keine Bars gibt. Sie bieten eine kleine Fluchtmöglichkeit vor den Regeln und Vorschriften, die das Privatleben von jungen Iranern bestimmen. Die Frauen spielen einen Wettbewerb, wie das gesetzlich vorgeschriebene Kopftuch am legersten getragen werden kann. Farbenfrohe Schals liegen locker auf dem Hinterkopf und bieten viel Präsentationsfläche für aufwendig gestylte Ponies. Sie wissen, dass sie sich damit in die Schusslinie der Sittenpolizei begeben, die unter der Regierung Ahmadinedschad ihre Kontrollen angezogen hat.


Ahmadinedschad enttäuschte die Wahlversprechen, die ihn an die Macht gebracht hatten

Das Regime kann seine Interpretation von islamischen Werten den Jugendlichen nicht mehr überstülpen, viele teilen diese Normen schlichtweg nicht mehr. Indikatoren für diese Entwicklung gibt es viele: Der Prozentsatz von heiratswilligen Mädchen sinkt, das durchschnittliche Heiratsalter steigt, ebenso die Scheidungsrate und die Zahl der HIV-Infektionen unter jungen Menschen. In Großstädten treffen sich unverheiratete Frauen und Männer ungezwungen zuhause, pflegen Freundschaften, haben Beziehungen.


In der grünen Bewegung haben beide Geschlechter Seite an Seite demonstriert und ihre sonst so strikte Trennung im öffentlichen Raum aufgehoben. Junge Frauen waren nach der Wahl an vorderster Front, füllen jetzt genauso wie oppositionelle Männer die Gefängniszellen und haben als ebenbürtige Akteure in der Bewegung erfahren, dass sie in der Zukunft ihres Landes eine wichtige Rolle spielen können. Die Bildung von Mädchen und Frauen ist in den drei Jahrzehnten der Islamischen Republik kontinuierlich vorangeschritten, sodass heute mehr als die Hälfte der 3,5 Millionen Studenten im Iran weiblich ist.


Die Jobperspektiven sehen ungleich schlechter aus. Ein Grund für den Erfolg Ahmadinedschads bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 2005 war sein wirtschaftsorientierter Wahlkampf. Viele von Arbeitslosigkeit bedrohte Jugendliche in den Städten gaben ihm damals ihre Stimme. Die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten, nur Zahlen können ihr Ausmaß fassen. Irans Arbeitslosenquote pendelt um die 15 Prozent, die Inflationsrate beträgt 25 Prozent. Fast 70 Prozent der drei Millionen Arbeitslosen sind zwischen 15 und 29 Jahren alt. 20 Prozent davon stammen aus ländlichen Gegenden, 80 Prozent aus Städten. Genau dort manifestierte sich der Protest der grünen Bewegung, er war nicht Empörung über den offensichtlichen Wahlbetrug.


Viele junge Iraner haben nach wie vor einen festen Glauben daran, dass die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen von politischer Veränderungen abhängig ist. Man kann es Idealismus nennen, aber eines gibt es nicht: Gleichgültigkeit und Resignation.


Am letzten Freitag des Ramadans, so hat es Ayatollah Khomeini zu Lebzeiten festgelegt, wird im Iran der »Quds-Tag« begangen. »Al Quds« ist der arabische Name für Jerusalem. Am »Quds-Tag« soll die Ablehnung des israelischen Staates und die Solidarität mit dem palästinensischen Volk demonstriert werden. Die Islamische Republik schmiedet hierfür eine Ehe zwischen dem Hass auf die USA und Israel und dem Islam. »Der Quds-Tag ist die Erneuerung des Islams«, heißt es auf Plakaten, die für den Ramadan in die Straßen gehängt wurden. Darauf sind Bildercollagen zu sehen, die in ihrer Symbolik zur Brechstangenrhetorik des Präsidenten passen. Zwei Arme, die sich die Hand geben, auf dem einen eine amerikanische, auf dem anderen eine israelische Flagge. Aus den einander umschließenden Händen tropft Blut auf eine Landkarte, die Palästina zeigt. Dazu Fotos von Kinderleichen in Gaza.


Die Fronten in der Islamischen Republik sind nicht mehr so klar, wie man denken möchte

Man fühlt sich mit den Palästinensern verbunden, verurteilt israelisches Vorgehen, doch die oft in Extremismus fußenden Botschaften und Aktionen der Regierung werden von vielen ignoriert. »Nur wenige schenken den Kundgebungen heute Beachtung«, meint der 36-jährige Babak während des Quds-Tages. Trotz der Gefahr eines Berufsverbots hatte der Doktor und Familienvater im Sommer in seiner Heimatstadt demonstriert und sich vermummt, um nicht dabei erkannt zu werden. Eines jedoch ist anders: Es sind mehr Internetseiten gesperrt als sonst, Babak kann heute seine Emails nicht abrufen. Am Tag darauf verkündet die Staatszeitung Tehran Times, dass Millionen von Iranern für den Quds-Tag auf die Straße gegangen sind.


Seit ihrer Gründung war das Feindbild aus Amerikanern und Zionisten eine raison d‘être der islamischen Republik. Bilder hasserfüllter Massen, die dem Westen den Tod wünschen, schafften es bei uns immer schnell in die Fernsehkanäle. Doch wie repräsentativ für den Iran im Jahr 2011 sind diese Bilder noch? Der Einfluss von Diaspora, eine moderne Internetkultur und das Auslandsfernsehen, das per Satellit trotz Verbotes in jeden iranischen Haushalt flimmert, haben dazu geführt, dass viele der vom Regime propagierten ideologischen Ansichten neutralisiert wurden.


Paradoxerweise ist die iranische Regierung in festen oligarchischen und theokratischen Händen, während sich die iranische Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten zu einer der demokratiebewusstesten im Mittleren Osten entwickelt hat. Darin liegt auch ein Generationenkonflikt zwischen der alten Garde, die nach wie vor die Zügel der Macht in der Hand hält und einer großen Jugend, die nicht an ihr beteiligt wird und sich von der eigenen Regierung völlig unverstanden führt.


Diese ideologische und soziologische Entfremdung lässt auch die Beziehung zum Islam nicht unberührt: Vor allem in den Städten wird das Spirituelle zunehmend von den sozialen Normen getrennt. Keiner der Hauptslogans der grünen Bewegung hatte eine explizit islamische Botschaft, dennoch sind die meisten ihrer Anhänger gläubige Muslime. Islamische Werte haben nicht per se ihre Gültigkeit verloren, vielmehr scheinen sich viele junge Iraner ihre Neuinterpretation zu wünschen.  


Damit verbinden sie sich mit den reformorientierten religiösen Intellektuellen, die in ihren Predigten schon lange die Missstände anprangern. Ein spiritueller Führer der grünen Bewegung war der im Dezember 2009 verstorbene Großayatollah Ali Montazeri. Vier der sieben Großayatollahs haben sich gegen den Revolutionsführer Ayatollah Khameini gewendet, der Ahmadinedschad nach der Wahl den Rücken gedeckt hat. Die Fronten in der Islamischen Republik sind nicht mehr so klar, wie man denken möchte.


»Es wird noch einige Zeit brauchen, aber die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten«

Gekonnt manövriert Maryam durch den abendlichen Rushhour-Verkehr von Rasht. Die Stadt im Norden des Irans nahe des Kaspischen Meers hat zwar nicht die Unübersichtlichkeit Teherans. Aber auch hier ist das Fahren nach iranischer Façon eine wahre Kunst, die hinter dem Steuer vor allem eine schnelle Reaktionsgabe verlangt.


Maryam hat ein charmantes Lächeln, leichte Pausbacken und sprüht vor Energie. Das Kopftuch trägt die sie luftig gebunden; Strähnen rotbraunen Haares fallen in ihr Gesicht. Sie spricht akzentfrei Englisch, drei Jahre lang hat sie als Kind in Leeds gelebt, als der Vater dort eine Arbeit fand. In Rasht gibt Maryam nun selbst Englischunterricht, ist Yogalehrerin, Mitglied in einem Fotoclub und lernt traditionelle iranische Trommel.


»Wo wollen wir hin?«, fragt Maryam, ihren Fotoclub hat sie heute ausfallen lassen. Das Ziel ist die »Loving Hut«, das einzige vegetarische Restaurant in Rasht. Auf der Speisekarte des kleinen Bistros gibt es fleischlosen Kebap, dazu werden Bio-Kräuterlimonaden gereicht. Kaum zu glauben; so ein Ort im sonst so karnivoren Mittleren Osten. Maryam erklärt, dass der Prophet Mohammed empfohlen habe, eine bestimmte Menge im Jahr an Fleisch zu essen. Dennoch ist der Vegetarismus unter jungen Iranern im Kommen. Maryam bestellt sich einen Sojaburger.


Auf der Rückfahrt steigt Sina, ein Sandkastenfreund von Maryam, dazu und das Gespräch wird politisch. Das passiert im Iran schnell, wenn man unter Freunden ist oder im Stau steht. Auch Gäste werden in einer erstaunlichen Offenheit einbezogen, würde man doch bei Geheimdienst und Repressionen ein gewisses Maß an Einschüchterung erwarten. Wie jede andere Stadt des Landes war Rasht im Sommer 2009 von Protesten erfüllt. »Das meiste ist in Teheran passiert, aber auch hier sind wir auf die Straße gegangen.« Und dann sagt Maryam, worüber sie sich mit vielen Altersgenossen einig ist: »Es wird noch einige Zeit brauchen, aber die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten.«


Doch es herrschte eine lange Ruhe in Teheran und den vielen anderen Städten, die 2009 die Zentren der grünen Bewegung waren. Zum ersten Mal seit dem schiitischen Ashura-Tag im Dezember 2009 sind am 14. Februar wieder Anhänger der grünen Bewegung auf der Straße gewesen, nachdem Mussawi und sein reformistischer Mitstreiter Mehdi Karrubi in Reaktion auf die Ereignisse in Tunesien und Ägypten zu neuen Protesten aufgerufen hatten. Karrubi wurde in der ersten Februarhälfte unter de facto-Hausarrest gestellt und Mussawis Haus wurde von den Behörden blockiert, um ihn an einer Teilnahme an den Protesten zu hindern.


Kann ein Kind des Systems wirklich Veränderung in den Iran bringen?

Oppositionsführer Mussawi, der in den Achtzigern Premierminister unter dem damaligen Präsidenten Khameini war, ist seit 2009 zum Schweigen verurteilt, öffentliche Auftritte sind ihm untersagt und die iranischen Medien dürfen nicht über ihn berichten. Man kann sich auch fragen, ob jemand, der wie er durch und durch ein Kind des politischen Systems der Islamischen Republik ist, wirklich Veränderung in den Iran bringen kann. Allzu gut erinnern sich viele junge Menschen noch an die Reformbemühungen von Ahmadinedschads Vorgänger Khatami, die am Druck von Seiten der Hardliner gescheitert sind. 


Das Eis, auf dem sich die Regierung Ahmadinedschad bewegt, wird jedenfalls immer dünner. Der iranische Präsident sieht sich längst nicht mehr nur dem Widerstand der grünen Bewegung gegenüber, sondern auch aus den eigenen Reihen. Die Konservativen im Parlament sind gespalten, viele plädieren für eine stärkere Kontrolle des Präsidenten durch das Parlament. Die wichtigste institutionelle Unterstützung Ahmadinedschads sind die Revolutionsgarden, die unter seiner Präsidentschaft politisch und vor allem in der Wirtschaft stark an Einfluss gewonnen haben.


Dabei hatte Khomeini in seinem politischen Testament verfügt, dass keine bewaffnete Organisation sich in politische Belange des Staates einmischen dürfe. Viele Mitglieder der Khomeini-Familie, repräsentiert durch den Enkel Hassan Khomeini, sind Sympathisanten der grünen Bewegung. Ironischerweise sind die Erben des Gründers der Islamischen Republik den Anhängern Ahmadinedschads ein Dorn im Auge.


Umstritten bleibt die Linie, die Ayatollah Khamenei verfolgt. Der Revolutionsführer hat Ahmadinedschad nach seiner Wiederwahl zwar unterstützt, kann aber den Einfluss der Revolutionsgarden und des Präsidenten jederzeit einschränken. Die Geschichte hat gezeigt, dass Khamenei diese Macht wiederholt genutzt hat.


Im Juni 2010, ein Jahr nach den Präsidentschaftswahlen, hat Mussawi die »Grüne Charta« veröffentlicht. In diesem Dokument formuliert er, der sich als ihr »bescheidener Anhänger« bezeichnet, die Ziele und Werte der grünen Bewegung. Darin wird deutlich, dass nicht die Abschaffung der Islamischen Republik das Ziel ist – auch wenn es vielleicht das ist, was sich einige der Demonstranten im Jahr zuvor gewünscht haben. Vielmehr kämpfe die Bewegung für eine »Umsetzung aller Artikel der Verfassung, vor allem jener, die sich mit den Rechten der Menschen befassen«. Die »Grüne Charta« betont gleichzeitig die schiitischen und traditionell iranischen Wurzeln. Auch wenn die grüne Bewegung für viele Regierungen der Welt ein Wunschkind sein mag, lehnt die »Grüne Charta« ausländische Einmischung kategorisch ab.



Die Bewegung wurde zwar auf den Straßen zerschlagen, nicht aber in den Köpfen ihrer Anhänger

Ramin Jahanbegloo kritisiert, dass die Weltöffentlichkeit den Iran allein durch die nukleare Brille sieht. Vielmehr sollte der Westen die Stimmen der Dissidenten ermutigen. »Jede Art von militärischem Angriff würde in Nationalismus enden und die grüne Bewegung töten«, sagt er.


Interessant ist, dass die arabischen Demonstrationen der vergangenen Wochen in ihrer Organisation viele Parallelen zur grünen Bewegung von 2009 aufweisen. Genauso wie diese sind die arabischen Bewegungen von ihren Anhängern und nicht von einer klaren Führung getrieben worden und gelangen mithilfe des Einsatzes von moderner Kommunikationstechnologie. Die grüne Bewegung kann zweifelsohne als erste dieser neuen Bewegungen gelten, die das politische Gefüge im Mittleren Osten zurzeit so dramatisch verändern.


Anders als die geradezu überschlagend schnellen Entwicklungen in Nordafrika ist die grüne Bewegung politisch bisher nicht erfolgreich gewesen, doch sie hat einen tiefen Wandel in der politischen Kultur des Irans hinterlassen. Wie kein Ereignis zuvor in der Geschichte des Irans hat sie die Legitimität der Regierung demontiert. Wenn man den Protagonisten von 2009 im zweiten Jahr nach der Wahl begegnet merkt man, dass die Bewegung zwar auf den Straßen zerschlagen wurde, aber nicht in den Köpfen ihrer Anhänger.


Das zeigt sich an einem Abend im Ramadan in Touchal. In dem beliebten Ausflugsziel über den Dächern von Teheran hat die Stadtverwaltung zum Ramadan Stände aufgebaut. Einer davon betreibt Kinderschminken, an einem anderen wird getöpfert und ein Stand verteilt Broschüren über die Situation der Palästinenser. Davor auf dem Boden liegt ein großes weißes Transparent, auf dem die Besucher ihre Wünsche für das palästinensische Volk zu Papier bringen sollen. Einige haben Friedenswünsche für Nahost hinterlassen und Israel kritisiert.


Doch ein Großteil der Botschaften spricht nicht von den Palästinensern, sondern von den Hoffnungen, die im Sommer 2009 geweckt wurden. Jemand hat eine Hand gezeichnet, die eine Rose hält. Um den Arm ist eine grüne Schleife gewickelt. Dieses Bild sagt mehr als Worte und zeigt, dass sich viele nach politischem Ausdruck sehnen, auch außerhalb ihrer Häuser und Facebook-Gruppen. »Die grüne Bewegung ist nicht tot, denn die jungen Iraner sind nicht tot«, sagt Ramin Jahanbegloo.


Es ist nicht in erster Linie das Schicksal der Palästinenser, das die jungen Leute in Touchal an diesem Ramadan-Abend bewegt, sondern die Zukunft der eigenen, für den Augenblick zum Schweigen verurteilten Bewegung. Iran ist nicht Ägypten und Ahmadinedschad nicht Mubarak, aber die Hoffnung auf Öffnung und Veränderung im Iran ist nie so berechtigt gewesen, wie seit der Geburt der grünen Bewegung.




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