Vor- oder Wellenreiter des Arabischen Frühlings? Al-Jazeeras ehemaliger Chefredakteur Ahmad Al-Sheikh beim KörberForum|Foto:Jann Wilken

Gesellschaft

Al-Jazeera und der Arabische Frühling

15.06.2011

»Gegen die Flut kommt niemand an«

Juliane Metzker


Der Demokratie kann kein arabischer Staat entkommen, meint Ahmad Al-Sheikh, ehemaliger Chefredakteur von Al-Jazeera. Bei einer Veranstaltung des KörberForums in Hamburg sprach er über die arabische Revolution und die Rolle der Medien.


Seine ersten Erfahrungen mit Zensur machte Ahmad Al Sheikh, als er 11 Jahre alt war, in seinem Heimatdorf im Westjordanland. Auf seinem neuen Transistorradio hörte er damals, 1959, stundenlang die Reden Gamal Abd al-Nassers an die arabische Nation – bis ein besorgter Nachbar den Vater des Jungen warnte: Das jordanische Regime werde ihn und seinen Sohn ins Gefängnis stecken, wenn dieser weiter den Übertragungen lausche. Darauf angesprochen wehrte sich der Junge zwar, es sei doch schließlich der Vater gewesen, der das Radio gekauft hätte. Doch die Reaktionen seines Umfeldes ließen ihn erstmals die Macht der Medien spüren.


Mit dieser Ankedote aus seiner Kindheit zieht Ahmad Al Sheikh eine Verbindung zwischen sich und der heutigen arabischen Jugend – diese habe schließlich ebenfalls die ihr zur Verfügung stehenden Medien ohne Furcht vor Repressionen genutzt und dadurch am Ende zum Gelingen der Revolution beigetragen.


Al Sheikh ist heute 63 Jahre alt und einer der einflussreichsten Medienmacher der arabischen Welt. Bis vor kurzem war er Chefredakteur von Al-Jazeera, heute berät er den Vorstand des Nachrichtensenders, den er von Anfang an begleitete. Doch sind »Al-Jazeera und Co.« wirklich »Wegbereiter der Demokratie« oder doch nur »Sprachrohr der Diktatoren«? Diese Frage stellte vergangene Woche das KörberForum in Hamburg und lud zu einem Podiumsgespräch mit Al Sheikh als Ehrengast.


Kann freie Presse in der arabischen Welt existieren, wo doch viele Regime durch Kontrolle und Einschüchterung regieren? Eine Frage, die offensichtlich viele Menschen beschäftigt. Der Saal des KörberForums ist bis auf den letzten Platz besetzt, auf dem Podium stellt ZDF-Journalist Wolfgang Herles die Fragen. Er und das Publikum wollen wissen, wie arabische Medien funktionieren und das kann wohl kaum jemand so gut erklären wie Al Sheikh, der vor seiner Karriere bei Al-Jazeera erst bei verschiedenen kuwaitischen Zeitungen und dann bei der BBC arbeitete.


»Vorreiter war und bleibt Al-Jazeera

Ruhig, entspannt und fast erhaben sitzt der aus Palästina stammende und in Jordanien aufgewachsene Journalist auf dem Podium, wartet die Fragen ab und korrigiert immer mal wieder Formulierungen des Moderators Herles, bevor er sich in ausufernden Antworten ergibt. Auf die erste Frage nach der Rolle Al-Jazeeras im Verlauf des Arabischen Frühlings wirft er ein, dass vom »Arabischen Frühling« gar nicht mehr so richtig die Rede sein könne: »Ich würde inzwischen vom ›heißen, arabischen Sommer‹ sprechen. Denn der Sommer in der arabischen Welt, müssen Sie wissen, ist sehr, sehr heiß im Moment«, sagt Al Sheikh, ohne dabei die Miene zu verziehen.


Doch trotz der düsteren Lage in Libyen und Syrien – insgesamt ist es ein optimistisches Bild, das Al Sheikh zeichnet. Seit der geglückten Revolution in Ägypten meldeten sich viele Schwarz-Weiß-Maler über die arabische Lage zu Wort, aber: »Die ganze Welt erwartet eine schnelle Veränderung, doch wir müssen nicht hasten«, denn der Aufbau von Demokratien brauche bekanntermaßen Zeit. »Demonstranten gehen auf die Straße, um Freiheit zu fordern, aber wie es danach weitergeht, kann erst einmal keiner so recht formulieren.«


In erster Linie aber sei Demokratie das Praktizieren von Freiheit, so Al Sheikh, also das, was gerade in Ägypten und Tunesien stattfinde: »Die Zeiten, in denen das Vorurteil galt, dass die Araber einer verlorenen Karawane in der Wüste glichen, gehören der Vergangenheit an. Inzwischen formiert sich ein arabischer Gedanke, eine Bewegung, die nicht mehr zurück will in die alte Welt ihrer Diktatoren.«


Ohne Al-Jazeera hätten die Umbrüche jedoch noch Jahre auf sich warten lassen, betont Al Sheikh, und wird bei diesem Thema immer lebhafter. Durch die Berichterstattung seines Senders über faire Wahlen aus England und Deutschland etwa, sei auch bei den Arabern der Drang erwacht, ihr Recht auf politische Mitbestimmung geltend zu machen.


Soziale Medien wie Facebook, YouTube und Twitter seien zwar wichtige Bestandteile der Bewegung gewesen, aber: »Hauptkatalysator und Vorreiter war und bleibt Al-Jazeera!« Schließlich gebe es einen wichtigen Unterschied zwischen den neuen Medien und dem Fernsehsender: »Soziale Medien provozieren die Gefährdung des Privaten und bieten einen idealen Nährboden für Falschmeldungen. Bei uns aber lautet die Regel bei jeder Nachricht ›Check, check, check!‹«, ruft Al Sheikh und unterstreicht seine Worte mit erhobenen Händen.


»Vergessen Sie mal Saudi-Arabien«

Doch trotz aller Professionalität und der gebotenen journalistischen Distanz – Al Sheikh räumt auch ein, dass ein arabischer Sender wie Al-Jazeera nicht ganz emotionsfrei über die Ereignisse in der arabischen Welt berichte kann: »Unparteilichkeit ist bei uns ein wichtiges Prinzip, aber ich benutze ganz bewusst nicht die Worte Objektivität oder Neutralität. Man kann nicht völlig neutral bleiben, wenn man darüber berichtet, dass Menschen grundlegende Rechte verweigert werden. Wenn ein Diktator Menschen ermordet, wie soll man darüber neutral berichten? Man muss auf der Seite des Opfer sein!«


Auf die Frage, welches Demokratievorbild sich die arabischen Staaten nun zu eigen machen könnten, nennt Al Sheikh – wenig überraschend – die Türkei. Das Land sei beispielhaft für ein demokratisches und größtenteils muslimisches, aber dennoch säkulares Land. Die türkische Armee sei inzwischen eine harmlose Institution, darauf besteht Al Sheikh – trotz der Einwände des Moderators. Nachfragen haben ohnehin nur wenig Erfolg, das »Gespräch« besteht größtenteils aus Ausführungen des Ehrengastes, der sich, nachdem er erst einmal in Fahrt gekommen ist, nicht mehr stoppen lässt.


Zwar hakt Herles immer wieder nach, wie etwa die Aussichten seien, eine Autokratie wie Saudi-Arabien zu reformieren – ein Thema, das dem ZDF-Journalisten besonders am Herzen liegt, da er selber gerade längere Zeit dort war. Doch Al Sheikh winkt ab: »Vergessen Sie mal Saudi-Arabien. Aber selbst dort gibt es Veränderungen in der Mufti-Gesellschaft.«


Noch weniger will er auf die anderen Golfstaaten eingehen. Die Lage in Katar oder Bahrain stehe in keiner Relation zu den Umständen, die das Volk in Ägypten hätten aufbegehren lassen. Die Frage, wie es in dem Heimatland von Al-Jazeera aussehe und wie der Sender, von Katars Emir finanziert, frei berichten könne, wird aus dem Publikum zwar gestellt, aber auf dem Podium kaum diskutiert. Al Sheikhs knappe und unbefriedigende Stellungnahme zu Katar: »Bei uns passiert doch nichts.«


Ein unerschöpfliches Thema dagegen ist für den gebürtigen Palästinenser der Nahostkonflikt, der ebenfalls zur Sprache kommt. Auch bei diesem Thema ist er optimistisch und glaubt daran, dass die arabischen Umbrüche zu einer Lösung führen werden, denn, so Al Sheikh überzeugt: »Gegen die Flut kommt niemand an.« Aber: »So lange es keine Gerechtigkeit in der palästinensischen Frage gibt, werden so blutige Ereignisse, wie der kürzliche Sturm auf die Golan-Höhen an der Grenze zu Israel und Syrien, keine Seltenheit bleiben.«


Der Parforceritt durch die Themen, die die arabische Welt bewegen, setzt sich im Laufe des Abends fort über den NATO-Einsatz in Libyen bis hin zu Scharia und Korruption. Das eigentliche Thema der Veranstaltung, nämlich Medien und die (un)freie arabische Presse, kommt darüber zu kurz. Am Ende des Abends brennen den Gästen immer noch viele Fragen auf der Zunge und im Foyer des KörberForums wird heftig weiterdiskutiert.


Das komplette Gespräch findet sich in einem Podcast auf der Homepage des KörberForums.




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