JIK-Teilnehmer Serdar Bulat (3.v.l.): »Ob wir christliche oder muslimische Wurzeln haben, spielt bei der Diskussion keine Rolle«|Foto: Dirk Enters

Gesellschaft

»Junge Islamkonferenz«

29.03.2011

Frischer Wind in der Islamdebatte

Yasemin Ergin


Viele muslimische Verbände sind aus der Deutschen Islamkonferenz ausgestiegen, hinzu kamen kürzlich die umstrittenen Islamäußerungen von Innenminister Hans-Peter Friedrich. Eine Gruppe von Jugendlichen will der DIK nun neue Impulse geben.


Besser kann man das Dilemma der Deutschen Islamkonferenz (DIK) wohl nicht auf den Punkt bringen: »Ich wusste lange Zeit gar nicht so richtig, was es damit eigentlich auf sich hat«, erzählt der 21-jährige Student Tugrul Kurt – politisch aktiv, engagiert und Teilnehmer der »Jungen Islamkonferenz« – »Meine Geschichtslehrerin hat immer von einer ›Islamisierungskonferenz‹ gesprochen, viele Muslime in meinem Umfeld dagegen haben gesagt, dass sei eine ›Anti-Islam-Konferenz‹, weil da Personen wie Necla Kelek vertreten sind.«


Was genau die DIK eigentlich ist und was sie bringen soll, darüber sind sich selbst führende Politiker nicht so ganz einig. Am heutigen Dienstag kommt sie zum dritten Mal zusammen, Gastgeber ist Innenminister Hans-Peter Friedrich. Von den vielen Terminen, die er von seinem Amtsvorgänger Thomas de Maizière geerbt hat, dürfte dieser Termin wohl zu den schwierigeren gehören – denn die erste Amtshandlung des neuen Innenministers vor wenigen Wochen bestand darin, muslimische Bürger mit seinen umstrittenen Islamäußerungen vor den Kopf zu stoßen.


Bei seiner Antrittsrede sagte Friedrich, der Islam gehöre nicht zu Deutschland und widersprach damit nicht nur Bundespräsident Christian Wulff, sondern auch seinen beiden Vorgängern. Neben dem erwartbaren Zuspruch gab es für Friedrichs Islamäußerungen auch viel Kritik: Politiker und Islamvertreter unterschiedlicher Couleur reagierten entsetzt und wurden nicht müde zu betonen, Friedrich sei untragbar als Vorsitzender der Islamkonferenz – während er selbst unbeirrt verlauten ließ, er sei missverstanden worden, selbstverständlich gehörten die Muslime zur deutschen Gesellschaft, er freue sich auf einen intensiven Dialog.


»Wir wünschen uns das verbindende Wir-Gefühl, die Normalität im Alltag«

Wertvolle Tipps für den zukünftigen Dialog mit Deutschlands Muslimen könnte Friedrich zum Auftakt der dritten DIK von einer Gruppe junger Studenten und Schülern aus Berlin und Nordrhein-Westfalen bekommen. Die Teilnehmer der »Jungen Islamkonferenz« (JIK) übermitteln dem Innenminister zu Beginn der Veranstaltung ihre Vorschläge und Forderungen: Es müsse Schluss sein mit Debatten, ob der Islam nun zu Deutschland gehöre oder nicht, mit einer Abgrenzung zwischen Staat und Deutschland einerseits und Muslimen andererseits, so lauten diese unter anderem.


Zu den konkreten Vorschlägen gehören die Einführung eines bundesweiten muslimischen Feiertages und eine Ergänzung der Nationalhymne, die dem muslimischen Teil der Bevölkerung Rechnung trägt. »Wir wünschen uns das verbindende Wir-Gefühl, die Normalität im Alltag«, sagt Teilnehmerin Marett Katalin Klahn, die bei der JIK die Rolle von Friedrichs Vorgänger Thomas de Maizière übernommen hatte.


Bei dem Planspiel, das von der Mercator-Stiftung ins Leben gerufen und von der FU Berlin mitentwickelt wurde, spielten Jugendliche zwischen 17 und 23 Jahren vor einigen Wochen die Diskussionen der DIK nach. Eines der Ziele war von vorne herein, einen Empfehlungskatalog für die »echte« Islamkonferenz zu erstellen. In den Wochen nach dem Planspiel kamen die Teilnehmer regelmäßig zusammen, um sich weiter auszutauschen, eine Facebookgruppe wurde ins Leben gerufen, Ideen für die Forsetzung und Ausweitung des Dialogs entwickelt.


Friedrichs Amtsübernahme und seine Islam-Äußerungen habe sich auch auf die Diskussionen innerhalb der Gruppe ausgewirkt, erzählt Marett Klahn: »Das war schon frustrierend zu erleben, wie zerbrechlich der Dialog im Prinzip ist. Da diskutiert man wochenlang und plötzlich reichen wenige Worte, um einen massiven Rückschlag auszulösen.«


»Der Innenminister muss das ganze Volk vertreten, nicht mehr nur die CSU«

Dennoch seien sich alle Teilnehmer der JIK einig darüber, dass man Friedrichs Islamaussage nicht überbewerten dürfe, so die 22-Jährige Politikstudentin: »Es ist ja klar, dass da nicht viel mehr hintergesteckt hat als ungeschicktes Machtgehabe und unreflektierter Populismus. Sein Vorgänger Thomas de Maizière war ja doch eher CDU-untypisch, was seine gemäßigte Haltung zum Islam anging. Wahrscheinlich hat Friedrich sich gedacht, die Union mal wieder klarer positionieren zu müssen. Immerhin ist das christliche Element das, worüber sich seine Partei definiert.«


Dass man als Politiker manchmal Dinge sagt, die man vielleicht nicht ganz so meint, weil man weiß, dass die Wähler das von einem erwarten, das weiß auch Serdar Bulat. Der 23-Jährige, der in Berlin Politikwissenschaft studiert und in der Grünen Jugend aktiv ist, übernahm bei der »Jungen Islamkonferenz« die Rolle von CDU-Politiker Ronald Pofalla und musste Sätze sagen wie »Wir müssen bereit sein, für unsere christlich geprägten westlichen Werte einzustehen.« Schwer gefallen sei ihm das nicht, erzählt er lachend: »So funktioniert Politik nun einmal!«


Dumm seien die Islamäußerungen Hans-Peter Friedrichs dennoch gewesen, denn: »Er scheint bei seiner Antrittsrede leider nicht daran gedacht zu haben, dass er als Innenminister nicht mehr nur die CSU vertritt, sondern das ganze Volk. Und die Muslime gehören da nun mal zu, und das schon seit fast vier Generationen. Zu sagen, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, ist für einen Innenminister ganz schön gewagt.«


Serdar Bulat, Marett Klahn und Tugrul Kurt sind drei von 40 Teilnehmern der »Jungen Islamkonferenz«. Das Projekt basiert auf einer Idee von Esra Kücük, Auszubildende im Management der Mercator-Stiftung: »Wir haben festgestellt, dass die Islamkonferenz bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund kaum bekannt ist«, berichtet die 27-Jährige Sozialwissenschaftlerin, »gleichzeitig aber haben wir bei den Integrationsprojekten, die wir selber veranstalten, bei den jungen Leuten ein Bedürfnis festgestellt, ein irgendwie geartetes Forum zum Thema Islam in Deutschland zu haben, zum einen, um sich zu informieren, aber auch, um sich auszutauschen zu diesen Themen, die sie in ihrem Alltag beschäftigen.«


Hybride Identitäten sind längst Realität

Mit der »Jungen Islamkonferenz« habe man ein Forum geschaffen, in dem das entstehen könne, was in der »großen« Islamkonferenz bisher nur wenig vertreten war: junge, frische Ideen. Immerhin habe de Maizière ja angekündigt, die zweite Phase der DIK orientiert an der Lebenswirklichkeit zu gestalten, so Kücük, die JIK leiste nun also einen wichtigen Beitrag zu mehr Praxisnähe. Gleichzeitig habe man aber auch bei den jungen Leuten ein Verständnis für die Situation der Politiker schaffen wollen: »Die Teilnehmer sollen verstehen, warum es manchmal schwierig sein kann, einen Kompromiss zu finden, das soll auch in die Formulierung des Empfehlungskataloges mit einfließen.«


Mit der Idee zur JIK trat die Mercator-Stiftung an die FU Berlin heran und die deutsch-iranische Wissenschaftlerin Naika Foroutan übernahm die konzeptionelle Entwicklung des Planspieles. Als Leiterin des Projektes »HEYMAT« arbeitet Foroutan schon seit zweieinhalb Jahren zum Themenschwerpunkt Muslime in Deutschland. Von der JIK erhoffe sie sich die Entwicklung von »Ideen und Visionen, die nicht formuliert werden könnten, wenn man in politischen Sachzwängen steckt«, erklärte Foroutan zum Auftakt der JIK vor wenigen Wochen.


Die Jugend sei der Schlüssel zu einem konstruktiven Dialog, denn: »Wenn wir uns Gedanken machen über Fragen der Zugehörigkeit, müssen wir die Akteure ins Visier nehmen, für die der Normalisierungsprozess so genannter ›hybrider‹, also irgendwie dazwischen steckender Identitäten, schon längst Realität ist. Bei vielen Jugendlichen können wir feststellen, dass die in diesen Kategorien gar nicht mehr denken.«


Anders als bei der Islamkonferenz spiele es bei den Diskussionen in der JIK überhaupt keine Rolle, ob jemand muslimische oder christliche Wurzeln habe, bestätigt Teilnehmer Serdar Bulat. Er selbst stammt aus einer türkischen Familie, in der Islam nicht viel mehr als ein Teil der Familiengeschichte sei: »Keine Frau in meiner Familie trägt Kopftuch. Dass Leute mich als ›Muslim‹ definieren, passiert mir erst seit Sarrazin! Vorher war ich vielleicht gerade noch ›Türke‹, obwohl ich hier geboren bin, aber seit der Sarrazin-Debatte heißt es immer öfter: ›du als Muslim…‹ Aber mit den Leuten aus der JIK-Gruppe ist das anders. Wenn wir da über den Islam diskutieren und ich mache dabei die Augen zu, merke ich nicht, ob da gerade jemand mit oder ohne muslimische Wurzeln spricht!«


»Eigentlich ist es ganz einfach!«

Die Empörung über Friedrichs Islamäußerungen sei bei den nichtmuslimischen Teilnehmern der JIK genauso groß gewesen wie bei den muslimischen, betont auch Marett Klahn. Die JIK habe ihr den Islam auf eine ganz neue Art nahe gebracht, erzählt die temperamentvolle Hamburgerin, die seit zwei Jahren in Berlin studiert: »Das war eine ganz neue Erfahrung, mich mit muslimischen Jugendlichen auf Augenhöhe auszutauschen. Ich hatte schon während meiner Schulzeit in Hamburg immer mit türkischen Kindern zu tun, und auch in Berlin-Neukölln, wo ich jetzt wohne, leben ja ganz viele Muslime, aber trotzdem hatte ich nie wirklich Zugang zu denen.«


Seit der JIK sei das anders: »Wir stehen alle in ständigem Kontakt und treffen uns regelmäßig, um über den aktuellen Stand der Islamdebatte zu sprechen.« Langfristig würden alle JIK-Mitglieder ihre Diskussionen gerne in die Öffentlichkeit verlagern, um zu beweisen, wie Austausch funktionieren kann: »Naika Foroutan spricht in diesem Zusammenhang immer von der ›Kontakthypothese‹: Eigentlich ist es ganz einfach – sobald man anfängt, mit Muslimen zu reden, verliert man auch die Angst vor ihnen!«


Die Empfehlungen der JIK hätte Marett Klahn heute eigentlich Thomas de Maizière überreichen sollen, und bei dieser Gelegenheit den Mann aus der Nähe kennen gelernt, in dessen Rolle sie für ein paar Tage geschlüpft war. Den neuen Innenminister Hans-Peter Friedrich zu treffen, findet sie aber genauso spannend: »Ich verstehe mich dabei ja auch nicht in erster Linie als Maizière-Darstellerin, sondern als Botschafterin der Jungen Islamkonferenz! Ich glaube, dass wir Jungen da ganz gute Ideen und Impulse geben können, die vielleicht auch die ›echte Islamkonferenz‹ ein bisschen weiterbringen.«




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