Bundesverdienstkreuz für Regisseur Fatih Akin. Der Ausnahme- sollte Normallfall sein, meint Olaf Zimmermann|Foto:dpa-PA

Gesellschaft

Kommentar zur deutschen Kulturpolitik

14.07.2011

Ein Recht auf Teilhabe


Menschen mit türkischem Hintergrund müssen stärker an Kunst und Kultur teilhaben, denn auch sie finanzieren mit ihren Steuern die öffentlich geförderten Einrichtungen, fordert der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates Olaf Zimmermann.


Türken, türkischstämmige Deutsche, Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, türkische Zuwanderer der ersten, zweiten, dritten bis zur x-ten Generation, Deutsch-Türken, Berlin-Türken, Frankfurt-Türken… Allein die sprachlichen Verrenkungen und die immer mitschwingende »Political Correctness« bei dieser Aufzählung lassen einen fast schwindelig werden, wenn es darum geht, Menschen zu benennen, die in Deutschland leben, vielleicht auch deutsche Staatsbürger sind, in jedem Fall aber einen Herkunftsbezug zur Türkei haben.


In der zweiten Stellungnahme des Deutschen Kulturrates, die wir gerade gemeinsam mit Migratenverbänden erarbeiten, werden die Begriffe »Migranten«, »Zuwanderer«, »Person mit Zuwanderungsgeschichte« und »Person mit Migrationshintergrund« synonym und in der Definition des Statistischen Bundesamtes verwendet. Als Personen mit Migrationshintergrund werden demnach definiert »alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem nach 1949 zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil«.


Schön ist die Definition nicht gerade, aber zumindest praktisch und eine (wirklich nur) erste Annäherung an die Frage, wer ein Migrant ist und wer nicht. In Deutschland leben etwa 3 Millionen Menschen, die beziehungsweise deren Vorfahren aus der Türkei stammen. Sie stellen damit die größte Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland.


Eine Frage der Gerechtigkeit

Wird sich mit den kulturpolitischen Fragen der Integration und des Zusammenlebens in Deutschland befasst, muss man sich zunächst eingestehen, dass die Bundesrepublik Deutschland in den 1960er Jahren keine Mitbürger suchte, sondern Arbeiter, die schwere und teilweise auch unattraktive Arbeiten in Industriebetrieben, bei der Müllabfuhr und anderswo verrichteten sollten. Es wurden Menschen gesucht, die jung waren, klaglos hart arbeiteten und bald in ihre Heimat zurückkehren würden. Weder wurden ein Schulabschluss noch Sprachkenntnisse oder gar ein Interesse an der Kultur und an dem Zusammenleben mit Deutschen in Deutschland erwartet.


Ebenso wenig wurde sich für die Kultur der so genannten Gastarbeiter oder auch deren Religion interessiert. Die im Laufe der Jahre entstehenden abgeschotteten Hinterhofmoscheen sind nicht nur, wie oftmals behauptet wird, ein Symbol für mangelnde Integrationsbereitschaft der Zuwanderer, sondern stehen auch wie ein Fanal für das fehlende Interesse der deutschen Politik an den kulturellen und religiösen Bedürfnissen der Menschen, die kamen, und für viele damals absolut überraschend, auch blieben.


Nach fünfzig Jahren Migration aus der Türkei muss es darum gehen, dass die Menschen mit einem türkischen Hintergrund stärker an Kunst und Kultur teilhaben. Auch sie finanzieren mit ihren Steuergeldern die öffentlich geförderten Kultur- und Bildungseinrichtungen. Insofern sind es keine Almosen und auch keine besonders gute Tat, wenn überlegt wird, wie Menschen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, die bislang öffentlich finanzierte Kultur- und Bildungseinrichtungen kaum nutzen, stärker einbezogen werden können. Es ist schlicht und einfach eine Frage der Gerechtigkeit.


Eine Gesellschaft kann es sich auf Dauer nicht erlauben, einen erheblichen Teil der Bevölkerung von der Partizipation an den öffentlichen Kultureinrichtungen auszugrenzen. Viele Kultur- und Bildungseinrichtungen sind glücklicherweise sehr daran interessiert, sich interkulturell zu öffnen. Sie überlegen, inwieweit sich ihr Programm ändern muss, um auch für Migranten attraktiv zu sein.


Immer noch haftet das Etikett des Exotischen an

An dem vom Deutschen Kulturrat initiierten Runden Tisch, an dem Vertreter aus Migrantenorganisationen und Vertreter aus den Mitgliedsverbänden des Deutschen Kulturrates gemeinsam Empfehlungen zur interkulturellen Öffnung von Kultur- und Bildungseinrichtungen debattieren, werden solche Fragen intensiv erörtert. Ein wichtiges Thema ist in diesem Kontext die Frage der Kulturfinanzierung. Wenn sich die Bevölkerungszusammensetzung ändert, liegt auf der Hand, dass auch die Verteilung an Mitteln sich verändern muss.


Gerade Migrantenorganisationen und künstlerische Initiativen von Migranten sind zumeist unzureichend finanziert. Die Anforderungen, die an sie gerichtet werden, gehen über die zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen weit hinaus. Insofern liegt es auf der Hand, in den kommenden Jahren auch über die Verteilung der finanziellen Ressourcen zu debattieren. Bei knapper werdenden Mitteln ist dies keine einfache Herausforderung.


Über die Verteilung von Mitteln und die Partizipation von Menschen an kulturellen Angeboten hinaus ist aus meiner Sicht die Sichtbarmachung von Künstlern mit Migrationshintergrund eine zentrale Herausforderung. Es gibt in Deutschland viele Gegenwartskünstler mit Migrationsgeschichte aus den unterschiedlichen künstlerischen Sparten, die hier leben und arbeiten. Bekannte Künstler mit türkischen Wurzeln sind Fatih Akin, Feridan Zaimuglu, Zafer Senuçak, Shermin Langhoff, um nur einige wenige zu nennen. Immer noch haftet ihnen aber das Etikett des Exotischen an. Als sei es etwas besonderes, dass Künstler mit türkischen Wurzeln hervorragende Kunst machen.


Die in Deutschland lebenden Menschen mit türkischem Migrationshintergrund gehören inzwischen unterschiedlichen Schichten und Milieus an. Viele Kinder der so genannten Gastarbeiter haben in Deutschland die Schule besucht, haben Abitur gemacht, haben studiert. Sie gehören zur Elite und zu den Meinungsmachern. Der entscheidende nächste Schritt der Integrationspolitik ist meines Erachtens, diese Menschen stärker an Deutschland zu binden. Es ist bemerkenswert, dass zurzeit mehr Menschen Deutschland in Richtung Türkei verlassen, als aus der Türkei nach Deutschland kommen. Darunter sind viele sehr gut Ausgebildete. Diese Menschen für Deutschland zu begeistern, ist eine Zukunftsaufgabe.


Ist es auch ihre Wiedervereinigung?

Und vielleicht ist ein Grund für die schwierige Identifikation mit Deutschland unsere jüngere Vergangenheit, mit Holocaust und Drittem Reich. Dieser Teil der Geschichte Deutschlands ist mit Scham und Schuld verbunden, auch wenn die Generation derer, die entweder aktiv in die Verbrechen des Nazi-Regimes involviert waren oder aber dazu geschwiegen haben, immer kleiner wird. Auch wir Nachgeborenen sind mit der Scham und der Schuld groß geworden und sind daher oftmals befangen, wenn es um das Verhältnis zu den Nachbarstaaten und insbesondere auch zu Israel und Palästina geht. Wie geht es aber den Menschen, die einen türkischen Migrationshintergrund haben? Erben sie die Scham und Schuld mit der Übernahme der deutschen Staatsbürgerschaft? Und wie ist es bei jenen, deren Eltern bereits Deutsche geworden sind, deren Großeltern also aus der Türkei stammen?


Aber auch unsere jüngste Geschichte, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten, birgt erinnerungspolitischen Sprengstoff. Ende der 1980er Jahre war in Westdeutschland ein Aufbruch in der Integrationspolitik zu spüren. Das Schlagwort »Multi-Kulti« beschreibt unzureichend die seinerzeit unternommenen Anstrengungen des Ernstnehmens der kulturellen Erfahrungen und Hintergründe der Zuwanderer, markiert aber präzise einen gesellschaftlichen Diskussionsprozess. Der Fall der Mauer und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten ließen diesen Diskurs in den Hintergrund treten. Es ging nunmehr um die gemeinsame Geschichte der Deutschen. Über den Einheitstaumel gerieten jene Menschen in Vergessenheit, die bereits Jahrzehnte besonders in Deutschland-West wohnten und keine deutsche Abstammung hatten. Wie haben sie die Vereinigung erlebt? Ist es auch ihre Wiedervereinigung?


Mit Blick auf die jüngere deutsche Geschichte lohnt es sich meines Erachtens einmal mehr, kulturpolitisch zu reflektieren, welche Implikationen die deutsche Staatsbürgerschaft für Zuwanderer hat. Übernehmen sie mit der deutschen Staatsbürgerschaft auch all die Schattenseiten der deutschen Geschichte oder nicht? Ich denke, eine Diskussion hierzu würde die Integrationsdebatte in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Olaf Zimmermann, 50,


ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber der Zeitschrift politik & kultur.


www.kulturrat.de


Mit freundlicher Genehmigung von MiGazin.




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