Gesellschaft

Iran und westliche Wahrnehmung

05.01.2010

Die Iraner kennen ihre Rechte

Ariane Sadjed


Die amerikanische Anthropologin Arzoo Osanloo argumentiert subtil und beharrlich für ein Überdenken der westlichen Wahrnehmung des Iran. Ihr Buch erinnert an die starken gesellschaftlichen Wurzeln des Rechtssystems.


Als sie ein Jahr alt war, siedelte Arzoo Osanloo mit ihrer Familie aus Teheran in die USA über. Sie war später in der neuen Heimat als Anwältin tätig, spezialisiert auf Menschenrechte. Dann begann sie ihre akademische Karriere. Als sie Ende der 1990er Jahre für Recherchen in den Iran einreiste, stellte der Grenzbeamte ungläubig fest: »Sie waren seit 30 Jahren nicht hier?!« Sie betont, dass sie sich erst wieder erarbeiten musste, in beiden Kulturen beheimatet zu sein.


Vor diesem Hintergrund hat die heute 41-jährige Anthropologin an der University of Washington ein Buch über die Entwicklung des Rechtssystems im Iran seit der Gründung der islamischen Republik vorgelegt. Die Argumentation, auf der ihr Buch basiert, widerlegt Behauptungen von diversen iranischen sowie von internationalen Organen, welche die islamische Republik als eine Rückkehr zu ursprünglichen, vorzeitlichen Traditionen betrachten. Osanloo betont, dass der Iran nach der Revolution auf modernen Strukturen wie einer republikanischen Staatsform und einer Verfassung beruht, und zeigt, wie die Verbindung von republikanischer Politik und islamischen Prinzipien neue Räume und Diskurse eröffnet hat, in denen sich die Subjekte dieses Staates Rechte erarbeiten.


Überdies hat Osanloo ihre Analyse in Abgrenzung zu jenem Kulturrelativismus entwickelt, der behauptet, kulturübergreifende Vergleiche seien nicht möglich, da jede Kultur für sich selbst steht und die Praktiken im jeweiligen Kontext unangreifbar sind. Die Autorin arbeitet im Unterschied dazu durchaus mit der Methode des »Kontextualisierens«: Dies meint die Behandlung »distanter«, also uns fremder Praktiken in Anbetracht ihrer Entstehungsgeschichte und ihres gesellschaftlichen Hintergrundes. Durch diese Art der analytischen Untersuchung sei eine unmittelbare Überprüfung und fundierte Kritik der jeweiligen Praktiken möglich. Im Fall des Rechtssystems im Iran wäre dies zum Beispiel die Umsetzung rechtlicher Vorgaben in der Praxis.


Justitia ist nicht neutral

Das Buch beginnt mit der konsequenten Feststellung, dass das Recht nicht neutral sei, sondern vielmehr ein Produkt seiner Rahmenbedingungen. Die Entwicklung und Anwendung von Rechten ist ein lebendiges und sich ständig veränderndes Feld. Die Formulierung von Menschenrechten in einem ausschließlich säkularen Rahmen ist demnach ebenso kulturspezifisch und in der Geschichte Westeuropas verortet, wie Frauenrechte aus der Perspektive eines säkular-liberalen Feminismus zu denken sind. Eine strenge Unterscheidung zwischen einer unpolitischen Kultur und vermeintlich kulturneutralen - aus einer übergeordneten Rationalität heraus formulierten - Menschenrechten ist damit nicht haltbar.


In Bezug auf Frauenrechte postuliert das gängige Konzept im Islam, dass die »Natur« von Männer und Frauen unterschiedlich ist. Aufgrund dessen ergeben sich unterschiedliche Rollen, Aufgaben und Rechte der Geschlechter. Männer und Frauen gleichen sich nicht, aber daraus soll keine gesellschaftliche Unter- oder Überlegenheit abgeleitet werden. In ihrer Unterschiedlichkeit sind sie gleichberechtigt - und darauf basiert in großen Teilen auch das islamische Recht. Die Umsetzung dieses Prinzips hängt natürlich von den Interpretationen ab, die die jeweiligen Machthaber daraus ableiten.


Die Autorin arbeitet sich anhand einer klaren und theoretisch fundierten Analyse, die auf mehrmonatigen Aufenthalten im Iran, Tiefeninterviews und der Begleitung von Verfahren im Gerichtssaal beruht, den Veränderungen im Verhältnis zwischen Staat und seinen Subjekten entlang und konzentriert sich dabei vor allem auf die Rolle von Frauen. Immer wieder wird deutlich, dass den Frauen das Wissen darüber, wie sie sich in der Gesellschaft mehr Rechte verschaffen können, weitgehend fehlt – Osanloo geht hier vor allem auf Scheidungsprozesse ein. Aber innerhalb der relativ jungen staatlichen Strukturen finden verschiedene Formen der Wissensweitergabe statt, in formellen Räumen durch Anwältinnen, oder informell in Koran-Lesekreisen für Frauen, den so genannten »Dschaleseh«. Zu den letztgenannten Treffen werden oft Referentinnen eingeladen, die die Frauen über Themen informieren, über die sie mehr zu erfahren wünschen.


Den Rechtsprozess still beobachten

Von einem Treffen berichtet Osanloo: »Hadschinuri, eine ehemalige Parlamentarierin, hatte kurz nach der Revolution eine bekannte, nicht-staatliche Organisation für Frauen und Familie gegründet. Sie war auch Co-Autorin mehrerer wichtiger Teile der Gesetzgebung in Bezug auf Frauenrechte. Durch den ganzen Raum hinweg waren die Frauen von Hadschinuri und ihrem Vortrag gefesselt. Sie ging auf den Islam ein, indem sie den Frauen mehrere verschiedene Wege aufzeigte, durch die sie rechtliche Entschädigungen für ihre Schwierigkeiten einfordern können. Doch sie ging sogar noch weiter: Sie schien den Frauen zu sagen, dass sie mehr Verantwortung dafür übernehmen müssten, zu lernen, welche Wege es gäbe und wie man diese zugänglich machen könnte um die gewünschten Ergebnisse in ihren Ehestreitigkeiten zu erreichen.«


Das Rechtssystem hält zwar verschiedene Instrumente bereit, das heißt aber leider noch lange nicht, dass sie in der Praxis auch umgesetzt werden. Eine andere Anwältin für Frauenrechte, die Osanloo in ihrer Arbeit über mehrere Jahre begleitet hat, problematisiert die steigende Anzahl von Männern und Frauen, die in Scheidungsprozessen mittlerweile auf juristischem Weg Entschädigungen suchten:»Ihre Verwunderung kreiste um eine steigende juristische Rationalisierung, und zwar die Trennung zwischen dem Gesetz und den sozialen Prinzipien, die ihm zugrunde liegen. Frauen wären jetzt nachlässig gegenüber der Tatsache, dass hinter diesen positiven juristischen Rechten Verpflichtungen lägen, die vielleicht enger mit Prinzipien der Scharia verbunden sind, besonders in Texten wie dem Koran oder der Sunna. Die zunehmende Rechtmäßigkeit, mit der Frauen ihre Ansprüche einforderten, erzeugte sogar für diese Anwältin eine zu große Diskrepanz zu der Moral und den sozialen Regeln der Gesellschaft.«


Es scheint also, dass dieser rationalistische Rechtsdiskurs die ethischen oder kommunalen Prinzipien des islamischen Rechtssystems immer mehr verdrängt. Dies ist beachtlich in Anbetracht der Tatsache, dass der iranische Staat für die Implementierung islamischer Prinzipien in allen seinen Strukturen steht.


Das reichhaltige ethnographische Material gibt die vielen verschiedenen Positionen wieder, die im Iran in Bezug auf eine richtige Definition von Rechten existieren und Osanloo gibt Leserinnen und Lesern im Westen die Möglichkeit, etwas über diese Realitäten zu erfahren. In westlichen Medien beliebte Streitpunkte, wie etwa das Kopftuch, werden nicht extra thematisiert, sondern so behandelt, wie sie in den Gesprächen aufkommen. Das macht die Erzählung organisch und zeigt, welche Dinge im Leben der Frauen eine Rolle spielen. Die Autorin nimmt auch davon Abstand, das Geschehen, das sie untersucht, moralisch zu bewerten oder Empfehlungen abzugeben.


Abgrenzung vom Westen, Einbindung des Westens

Sie zeichnet sorgfältig und exakt auf, wie ein bestimmter Mechanismus in der Gesellschaft funktioniert und beschreibt damit letztlich einen dynamischen und dialogischen Prozess, den sie in Hinblick auf internationale Diskurse und Politiken so charakterisiert: In dem steten Bemühen, sich vom Westen abzugrenzen, werden im Iran dennoch einige von der westlichen Ideengeschichte geprägte Elemente und Begrifflichkeiten in die Staatsform, das Rechtssystem und damit die soziale Struktur eingearbeitet. Diese in Einklang mit islamischen Prinzipien zu entwickeln, ist ein Ziel, das durch verschiedene Interessengruppen auf unterschiedliche Art und Weise vorangetrieben wird.


Eine Übersetzung des Buches ins Deutsche ist leider noch nicht geplant – was bedauerlich ist, behandelt es doch das Thema »Frauenrechte« nicht von der Perspektive, dass Frauen im Iran pauschal unterdrückt werden, glorifiziert andererseits aber auch nicht die »neue islamische Frau«. Es ist ein gelungener Versuch, die Rolle des Staates zu analysieren und den Iran damit ein Stück weit zu entmystifizieren. Die Islamische Republik hat ein ganz eigenes Rechtssystem und die Scharia ist nicht (nur) ein irrationales »Schreckens-System«, wie es oft dargestellt wird. Auch sie entspringt und korrespondiert mit einem sozialen Kontext.


Arzoo Osanloo. The Politics of Women’s Rights in Iran. Princeton University Press, Princeton, N.J. 2009, 258 Seiten (Englisch), Taschenbuch, circa 17 Euro.




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