
Gesellschaft
Helen Staude
Mit großen Worten beschwor Tunesien, den Fußball zurück nach Nordafrika zu bringen. Doch die »Adler von Karthago« sind beim Afrika-Cup ausgeschieden, während zwei Teams aus Westafrika eine historische Durststrecke beenden können.
Im Angesicht der Tragödie von Port Said in Ägypten rückte der Spaß während der Afrikameisterschaft in den Hintergrund des Events. 79 Tote und 1000 Verletzte forderte das Unglück während des Spiels des ägyptischen Erfolgsclubs Al Ahly gegen Al Masry, Straßenschlachten suchen seitdem die Hauptstadt Kairo heim, die Fußballstars drohen mit Rücktritten.
Nachdem das Unglück von Port Said als schwärzester Tag in die Geschichte des Fußballs eingeht, erklärt sich Tunesien als »Bruder Ägyptens« und gedenkt den Opfern vor dem Spiel gegen Ghana im Viertelfinale. Nachdem sich Ägypten nach drei Titeln in Folge nicht für die Afrikameisterschaft qualifizieren konnte, beschwor Tunesien, nun den Fußball zurück nach Nordafrika zu bringen. »Das sind unsere Brüder: Algerien, Marokko, Tunesien, Ägypten – sie sind alle gleich«, verkündete etwa Mittelfeldspieler Hocine Ragued. Er wolle nach den schweren Auseinandersetzungen in Port Said ein Zeichen setzen.
Tunesien war die einzige nordafrikanische Mannschaft, die das Viertelfinale beim zweijährlichen Turnier erreicht hatte, zuvor hatte es Marokko aus dem Wettbewerb geschossen. Ägypten konnte sich als erster Titelverteidiger der Geschichte nicht für das Turnier in Gabun und Äquatorialguinea qualifizieren.
Als heißer Kandidat auf den Titel wurde Tunesien im Vorfeld allerdings nicht gehandelt. 2004 hatte die Mannschaft die Afrikameisterschaft zuletzt im eigenen Land gewinnen können. Als Favoriten gingen vor allem die WM-erfahrenen Teams aus Ghana und der Elfenbeinküste ins Rennen – und wurden dieser Rolle auch gerecht. Während Didier Drogba vom FC Chelsea die »Elefanten« mit zwei Toren gegen Co-Gastgeber Äquatorialguinea ins Halbfinale schoss, musste Ghana für den Viertelfinaleinzug nachsitzen. Das Feld der letzten Vier komplettieren Mali und die Überraschungsmannschaft aus Sambia.
Den großen Worten im Vorfeld der Partie konnte Tunesien gegen den viermaligen Titelträger allerdings keine Taten folgen lassen. Schon nach wenigen Minuten erzielte John Mensa nach Vorlage von Asamoah Gyan das 1:0 für den Favoriten aus Ghana. Nach der frühen Führung gaben sich die »Black Stars« jedoch wenig Mühe, guten Fußball zu spielen und verpassten es, die tunesischen Ambitionen frühzeitig zu begraben.
Nach mehreren unschönen Szenen und einer gelben Karte gegen den Hannoveraner Karim Haggui wegen Tätlichkeit fanden die »Adler von Karthago« kurz vor der Halbzeit unverhofft ins Spiel zurück. Nach einer hohen Flanke köpfte Saber Khelifa den Ball aus fünf Metern an Torwart Larsen Kwarasey vorbei ins kurze Eck. In der zweiten Halbzeit ändert sich wenig am zähen und zunehmend aggressiven Spielverlauf, Chancen bleiben in der Folge Mangelware.
Nach 100 Minuten schließlich gelingt Andre Ayew nach einem Torwartfehler von Schlussmann Aymen Mathlouhthi der Führungstreffer für Ghana in der Nachspielzeit. Nachdem durch Fußballspielen keine Tore fallen, kommen nun die Ellenbogen ins Spiel. In der 108. Minute brennen Amen Abdennour die Sicherungen durch. Im Duell an der Eckfahne schlägt der Tunesier dem Ghanaer Ayew brutal den Ellenbogen ins Gesicht und sieht die rote Karte. Aufgebracht gehen die Teams aufeinander los, erst nach Minuten kann das Spiel fortgesetzt werden. Trotz einer gute Phase schaffen es die Tunesier nicht mehr, den Ausgleich zu erzielen.
Haben die Revolutionen und Unruhen 2011 die Mannschaften aus Nordafrika geschwächt, nachdem Ägypten die Qualifikation verpasst und Marokko und Tunesien den – eigenen – Ansprüchen nicht gerecht werden konnten? Immerhin ist es schon zehn Jahre her, dass mit Kamerun eine Mannschaft, die nicht aus Nordafrika kommt, den Afrika-Cup gewann. Und auch die WM-Teilnahme Algeriens 2010 blieb eine einzelne Episode.
Die großen Gewinner scheinen, wenn man auf den Fußball schaut, Westafrika im Allgemeinen, und speziell Ghana und die Elfenbeinküste sein. Beide scheiterten in ihren letzten Finalteilnahmen, 2006 beziehungsweise 2010 – am Rekordtitelträger Ägypten. Zählt man Mali hinzu, kommen drei der vier Halbfinalisten aus Westafrika, wenngleich die WM-erfahrenen Teams beim Turnier aus Nigeria, Senegal und Togo ebenfalls enttäuschten beziehungsweise sich nicht einmal qualifizierten.
In jedem Fall aber stehen die Chancen für die »Black Stars« und die »Elefanten« so gut wie nie, die kontinentale Meisterschaft endlich wieder zu gewinnen. Ghana wartet seit dreißig Jahren auf einen Erfolg. Der Elfenbeinküste gelang dieser zuletzt vor zwanzig Jahren – im Finale gegen Ghana.
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