
Gesellschaft
Bettina Malter
Auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv wird weiter gegen steigende Mieten protestiert. Während die Demonstranten die Stimmung in der Zeltstadt hochzuhalten versuchen, sprechen ihnen Kritiker die Ernsthaftigkeit ab.
Das israelische Woodstock, so nennen Skeptiker den Rothschild-Boulevard in Tel Aviv derzeit. Denn der breite Grünstreifen der teuersten Straße Israels verwandelt sich seit zehn Tagen jede Stunde mehr in eine Mischung aus Zeltplatz und Jahrmarkt.
Hunderte Zelte stehen zwischen klein angelegten Wohnzimmern: Ein Ecksofa mit Tisch, ein großer Teppich mit Sitzkissen. Artisten, Verkleidungs-Künstler und Musiker nutzen den nun umgetauften Zelt-Boulevard als Bühne. Jede Nacht tanzen Menschen, trinken und singen.
Für die Zeltenden ist das ein Protest gegen die hohen Mietpreise im Land. Seit 2008 sind diese um fast 40 Prozent gestiegen. Die 25-jährige Daphni Leef war die erste, die aufbegehrte und auf Facebook ankündigte: Ihr neues zu Hause sei ein Zelt auf dem Rothschild-Boulevard. Was anderes könne sie sich nicht mehr leisten. Dass nun mehr als die Hälfte der Straße besetzt ist und die Proteste sogar Nachahmer in anderen Städten gefunden haben, hätte sie wie viele Israelis nicht erwartet.
Vielen vorbeilaufenden Passanten fehlt dem Zelt-Aufstand jedoch die Ernsthaftigkeit. Die Hippies auf der Rothschild, war häufig zu hören, wenn über die Zelt-Stadt gesprochen wurde. »Ich glaube, es geht den meisten leider nicht um ernsthaften Protest«, sagt ein junger Mann, der in Tel Aviv aufgewachsen ist und sich wie viele, die Situation vor Ort anschaut. »Es geht nur um cool sein und Spaß haben.« Dann zeigt er auf ein Michael-Jackson-Double, der winkend an ihm vorüberzieht. Der 30-Jährige nickt mit seinem Kopf immer wieder auf und ab, als wäre das der lebende Beweis für seine These.
Am Samstag nach dem Ende des Schabbats wurde es aber doch ernst. Zehntausende gingen in Tel Aviv auf die Straße. Mit Transparenten, Slogans und Flüstertüte – eine echte, ernste Demonstration. Daphni Leef gilt für sie als der auslösende Funke, der bislang gefehlt hat, um endlich gegen die Missstände auf die Straße zu gehen. Zumindest benutzen die zwei Schwestern Natanela und Vicky Auslaender dieses Bild, wenn sie von ihr sprechen.
Vicky ist 28 und studiert Internationale Beziehungen in Jerusalem. Würden ihre Eltern sie nicht unterstützen, könnte sie ihre Wohnung nicht bezahlen. 2200 Schekel, umgerechnet etwa 450 Euro, kostet ihr WG-Zimmer. Allein mit ihrem Nebenjob als studentische Hilfskraft an der Universität könnte sie das nicht stemmen. Vicky müsste zurück zu ihren Eltern ziehen, aber mit 28 – nein, das würde sie nicht wollen.
Sie wünscht sich, dass es Mietwohnungen gibt, die klein, schlicht und günstig sind. Aber es gibt in vielen Städten die Auflage, nur große Wohnungen zu bauen. Sie nennt als Beispiel die Stadt Netanja im Norden Tel Avivs, wo keine Wohnung entstehen darf, die kleiner als 3 ½ Zimmer groß ist. Dann zeigt sie auf ein Hochhaus, an dem der Demonstrationszug vorbei zieht. Wie die Menschen um sie herum hält sie ihre Hände wie eine Tüte vor den Mund und buht das Haus aus. »Wenn der Rohbau fertig ist, werden hier Luxuswohnungen vermietet«, erklärt sie ihr Handeln.
Teuren Wohnraum gibt es jedoch genug. Daher hoffen die Demonstranten, dass die Regierung durch den Protest jetzt etwas unternimmt – und zwar für die, die nicht so viel Geld haben. Denn das Land in Israel gehört dem Staat und somit könnte er regulierend eingreifen.
Wichtig ist, dass sie durchhalten und das Thema nicht von der Tagesordnung verschwindet. Denn so oft verlieren sozialpolitische Themen wegen der Sicherheitslage im Land an Priorität. »Wenn morgen eine Bombe irgendwo in Israel hoch geht, dann ist das mit dem Protest hier vorbei«, sagt die 27-Jährige Meytal Ackermann.
Die junge Frau ist in ihrem Hochzeitskleid auf den Zelt-Boulevard gekommen. Ein Zelt hat sie nicht aufgebaut, sondern einen großen Pappkarton, mit aufgemalter Tür und einem Dach aus Pappresten. »Ackermann« steht am Eingang auf einem rosafarbenen Schild, darunter ein großer, blauer Adress-Aufkleber »Zelt-Boulevard 148«. »Ein Traum von Haus«, hat sie auf ihr Plakat geschrieben, das sie in der Hand hält.
Sie und ihr Mann würden gerne ein Haus kaufen. Erst vor einem Monat haben die beiden geheiratet. Mindestens 40 Prozent des Kaufpreises müssen sie jedoch als Eigenkapital vorweisen, um einen Kredit zu bekommen. »Und 40 Prozent bei diesen immens hohen Wohnungspreisen ist für ein junges Paar wie uns unmöglich«, sagt die Grafikdesignerin.
Sie und ihr Mann sind inzwischen in ein Dorf nördlich von Tel Aviv gezogen. Doch auch dort ist die Situation der Preise extrem. Für ihre kleine Drei-Zimmer-Wohnung zahlen sie 5000 Schekel, umgerechnet etwa 1000 Euro. Deswegen ist sie gekommen, um zu protestieren. Denn Israel besteht nicht nur aus dem Konflikt mit den Palästinensern, dass betont sie immer wieder. Hier geht es um die Lebenssituation der Mittelschicht in Israel. Und dieses Mal hofft sie, wird sich wirklich etwas verändern.
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