Diwan

Tausendundzweite Nacht


Läutet der Arabische Frühling eine Ära des Friedens und der Menschenrechte ein? Oder folgt ein langer Winter, in dem die Islamisten die Zeit ins Mittelalter zurückdrehen? Der zenith-Diwan wagt einen märchenhaften Blick in die Zukunft.


Es geschah zur Zeit, als die Araber ihrer allmächtigen Könige überdrüssig wurden. Im Land der Heiligen Stätten strömten die Menschen von überall her auf die großen Plätze. In der Hafenstadt Dschidda ebenso wie in den ehrwürdigen Orten Medina und Mekka. »Wir wollen frei sein von der Unterdrückung, wir wollen unsere Würde zurück!«, riefen sie zu hunderten. Jeden Tag wurden es mehr – alte Männer, junge Frauen, sogar Kinder ergötzten sich an den Versammlungen, die Volksfesten glichen. Die Rufe waren bis in den königlichen Palast in Riad zu hören. Sie ließen die prachtvoll verzierten Wände erzittern und auch so manche Gewissheit. König Nayif, der allmächtige Herrscher, bewegte die Worte der Menschen in seinem Herzen: Sollte er sein Volk erhören oder die Macht seines Hauses bewahren?


König Nayif erbat sich den Rat frommer Gelehrter. Einer sprach: »Manche Herrscher glänzen durch Macht, andere durch Weisheit. Geliebt werden nur die Letzteren. Nimm dir ein Beispiel am Kalifen Harun al-Rashid!« So ging der König unter das Volk, in einfachen Gewändern, so dass ihn niemand erkannte. Er hörte zu, wenn Männer und Frauen auf den Plätzen ihm ihr Leid klagten und er arbeitete Stunde um Stunde mit schwarzhäutigen Sklaven auf den Baustellen der Paläste. Er erfuhr von Nöten, fern der Heimat für wenig Sold zu arbeiten. Der König begriff, das Unglück hatte von den Menschen in seinem Land Besitz ergriffen. Und so sprach er zu seinem Volk: »Entscheidet ihr, wer fortan über euch herrschen soll!« Es war ein Wettstreit der Ideen, der das Land ergriff wie ein Fieber. Nayif, auf Gnade seines Volkes hoffend, befahl, dass alle Sklaven einen Mindestsold erhalten, auf dass sie ein menschenwürdiges Leben führten. Auch sollten an der Abstimmung alle teilnehmen, Männer, Frauen, Sklaven.


Am Tag der großen Abstimmung erschienen die Menschen in Scharen auf den Versammlungsplätzen; festlich gekleidet und mit einer feierlichen Würde. Bis spät in die Nacht wurde gezählt. Es obsiegte die kluge Chadidscha, die seit den ersten Tagen die aufbegehrenden Menschen in Mekka angeführt hatte. Volkskönigin Chadidscha war eine weise Herrscherin. Sie verteilte den Reichtum des Landes gerecht. Sie verkündete, dass niemand verfolgt werden dürfe, wenn er an einen anderen Gott glaubte und sie reiste viel. Mit dem König des Landes der Juden schloss sie Frieden, der Herrscherin eines fernen kalten Reiches sagte sie: »Schickt uns nicht mehr eure Waffen, wir wollen in Freundschaft leben mit all unseren Nachbarn.«


Aber nicht alles war gut im Haus der Volkskönigin Chadidscha. Ihre Liebe zu ihrem angetrauten Abdallah erlosch. Daraufhin vereinigte sie sich mit Pathum, einem Sklaven. Darüber waren viele böse Worte zu hören, aber als Chadidscha ein Kind trug, sahen die Menschen, wie groß die Liebe zu Pathum war. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie noch heute. Aber längst regieren andere in der saudischen Musterdemokratie.



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